Das aufgebrochene Tor

Von Martin Niemöller, Pfarrer


Martin Niemöller  
Für den Leser wird es freilich nötig sein, sich ein wenig in unsere Lage zu versetzen und damit in die Lage derer, die hier das Amt der Verkündigung ausübten; es handelt sich bei den vorliegenden Predigten und Andachten nicht um die gleiche Art der Verkündigung, wie wir sie aus den sonntäglichen Gottesdiensten der Gemeinde kennen.

Es handelt sich um die brüderliche Anrede an Brüder im Amt; denn den Gefangenen, die nicht Pfarrer waren, war der Besuch der Gottesdienste nicht gestattet; ihnen konnte nur hier und da mal im Verborgenen ein stärkendes Wort zugeraunt oder zugeflüstert werden.*)

Und eben darin wird die eigentliche und tiefste Not unseres Gefangenseins offenbar: es gab für uns praktisch keine Möglichkeit mehr, unser Amt an alle Welt auszurichten. Was aber blieb, war der Auftrag des Herrn, uns "mit solchen Worten untereinander zu trösten".

*) Der Pfarrerblock war von dem übrigen Lager durch ein Drahtzauntor getrennt, welches Tag und Nacht geschlossen, erst von den einrückenden Amerikanern zur allgemeinen Benutzung geöffnet wurde. Darauf nimmt der Titel des Buches Bezug. Der Herausgeber.

Quelle: Martin Niemöller, Das aufgebrochene Tor - Predigten und Andachten gefangener Pfarrer im Konzentrationslager Dachau, München 1946, S. 3


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