Martin Niemöller: Angaben für die Münchener Ermittlungen

  
Am 15. September 1950 beantwortete Martin Niemöller Fragen des Generalstaatsanwalts in München, wo Ermittlungen um das Attentat vom Bürgerbräukeller eingeleitet worden waren.

Das Schreiben des Pastors an den Generalstaatsanwalt enthält zunächst eine Wiederholung der wesentlichen Angaben aus einem Brief an Marie Elser. Danach folgen Ergänzungen zur Ermordung Elsers:

Seite 1   Seite 2
Quelle: Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaften 34475/1,2


Kirchenpräsident
D. Martin Niemöller
Wiesbaden, den 15. Sept. 1950
Brentanostr. 3 - Telefon 25660

An den
Herrn Generalstaatsanwalt
Justizpalast
München

Betrifft    Ihr Schr. vom 9.9.50
Ihr Zeichen 1 Js Gen. 106/50
Bürgerbaukeller-Attentat 1939

In Beantwortung Ihres obigen Schreibens kann ich nur nochmals die in meinem Schreiben vom 23.3.1946 der Mutter des Herrn Elser, Frau Marie Elser, Königsbronn, gemachten Angaben wiederholen, die sich in dem Material befanden, das Ihnen zur Verfügung gestellt war und mir am 23. Mai zurückgesandt worden ist:

"Sehr geehrte Frau Elser!

...Ich möchte Ihnen doch sagen, dass ich Ihren Sohn zuletzt im Frühjahr 1945 (wahrscheinlich Februar) in Dachau gesehen und auch kurz gesprochen habe. Ich habe später Ende Mai 1945 mit meinen eigenen Augen den Befehl der Reichsleitung SS gelesen, dass er bei dem nächsten Angriff auf München zu liquidieren sei. Er ist auch tatsächlich, wie mir ein Mitgefangener aus dem Zellenbau in Dachau berichtet hat, an einem Abend abgeführt worden und nicht wieder zurückgekommen, während seine ganzen Sachen, Kunsttischlereiwerkstatt usw., zurückblieben.

Dass ihr Sohn zur SS gehört habe, ist mir schon in Oranienburg 1940 wie auch später in Dachau von SS-Angehörigen mitgeteilt worden. Er verkehrte mit ihnen auch durchaus kameradschaftlich und stand auf Du und Du mit ihnen. Ich selber kann hier nur Erfahrenes berichten. Er wurde in seiner Gefangenschaft bevorzugt behandelt, bekam SS-Kost, hatte einen eigenen Radioapparat in seiner Zelle und bewohnte nicht eine einzelne Zelle, wie die anderen, sondern mehrere Zellen auf einmal, zwischen denen zum Teil die Wände entfernt waren. Es war ihm bereits in Oranienburg eine Kunsttischlerwerkstatt eingerichtet, in der er arbeitete und eine gleiche Einrichtung wurde bei seiner Überführung nach Dachau im Jahre 1944 getroffen. Er wurde aber von den übrigen Gefangenen sorgfältig ferngehalten und hatte ständig nfangs zwei, später in Dachau vielleicht nur noch einen (?) SS-Wachposten in bezw. vor der Zelle. Ich persönlich hatte ebenso wenig wie irgendein anderer Gefangener Erlaubnis, mit ihm zu sprechen, traf ihn aber einmal in einem unbewachten Augenblick in der Wachstube des Zellenbaus in Dachau, wo er wir aber nicht von dem Attentat oder den Begleitumständen miteinander gesprochen haben. Er sagte mir damals nur, dass er keine Verbindung mit seinen Angehörigen habe, dass aber seine Frau mein Buch 'Vom U-Boot zur Kanzel' gelesen hatte. Das ist leider alles, was ich Ihnen von mir aus mitzuteilen weiß."

Elser hat also zu mir nicht von dem Attentat gesprochen. Den Befehl zur Ermordung Elsers habe ich selbst gelesen. Es stimmt, dass dieser Befehl damals im Besitz des Herrn  B e s t   war, der ihn m. W. aus der Aktentasche des uns begleitenden Kommando-Offiziers, eines SS-Untersturmführers  S t i l l e r  entwendet hatte.

Wer die Ermordung vollzogen hat, weiß ich nicht. Ich kann auch nicht sagen, wer den Befehl unterschrieben hat. Es war sicherlich nicht Hitler selber, sondern entweder Himmler oder der SS-Obergruppenführer Müller.

Der Befehl lautete - dem Sinne nach - dahin, "dass der in Dachau einsitzende Georg Elser bei Gelegenheit des nächsten Luftangriffs auf München unauffällig zu liquidieren sei und dass daraufhin ein Bericht an die Presse zu geben sei, des Inhalts, dass der aus dem Attentat bekannte Georg Elsers bei dem letzten Luftangriff auf München tödlich verwundet worden" sei.

Ich bin überzeugt, dass Herr Best die ganzen Zusammenhänge, soweit er sie kennt, und auch die urkundlichen Unterlagen, soweit sie in seinem Besitz sind, in seinem geplanten Buch auch veröffentlichen wird.

Unterschrift

D. Niemöller
Kirchenpräsident


Martin Niemöller: SS-Unterscharführer Georg Elser
Martin Niemöller: Briefwechsel mit Georg Elsers Mutter
Martin Niemöller: Das aufgebrochene Tor
Ulrich Renz: Der Fall Niemöller
Ulrich Renz: Landgerichtsrat Dr. Nikolaus Naaff
Georg Elsers Ermordung
Die Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge in Südtirol
Best: Die Entdeckung des Befehls zur Liquidierung Elsers
Ist der Befehl zur Liquidierung Elsers eine Fälschung?