Das Attentat im Münchener Bürgerbräukeller

Erinnerungen von Hitlers letztem Geheimdienstchef

Von Walter Schellenberg


Verhaftung des Attentäters - Tafelrunde in der Reichskanzlei - Experimente mit dem Täter Elser

Walter Schellenberg
Berlin war immer eine nervöse und gehetzte Stadt. Jetzt aber schlug mir im Amt eine Atmosphäre geradezu hektischer Erregung entgegen. Soeben war die Kommission zur Aufklärung des Bürgerbräu-Attentats aus München eingetroffen, und der gesamte Fahndungsapparat der Geheimen Staats- und Kriminalpolizei lief auf höchsten Touren, um die Hintermänner des Anschlages zu ermitteln. Dies sei deshalb erwähnt, weil oft behauptet worden ist, das Bürgerbräu-Attentat sei von Heydrich, Himmler oder gar Hitler selbst gestellt worden. Bei einer so ausgedehnten Fahndungsaktion wäre es ausgeschlossen gewesen, dass nicht an irgendeiner Stelle etwas davon durchgesickert wäre.

Bisher war nur der Konstrukteur der Höllenmaschine gefasst worden. Es war der Schreiner Georg Elser, der beim Versuch, in Konstanz die Schweizer Grenze zu überschreiten, verhaftet wurde. Er hatte unter der Last der Indizien gestanden, in einer Säule des Bürgerbräukellers seine Höllenmaschine mit Zeitzünder eingebaut zu haben. Es handelte sich um einen genial umkonstruierten Wecker, der mit einer Explosivmasse gekoppelt war. Elser hatte erklärt, zwei unbekannte Personen hätten ihm bei der Vorbereitung des Anschlages geholfen und versprochen, später im Ausland für ihn zu sorgen. Dies hatte Hitler zu dem Verdacht geführt, die beiden Hintermänner könnten nur Major Stevens und Captain Best gewesen sein. Andererseits glaubte er aber auch, die "Schwarze Front", eine Organisation Otto Strassers, könne dahinterstecken. Jedenfalls drohte er, sowohl Elser als auch die beiden Offiziere des Secret Service in einem Schauprozess aburteilen zu lassen. [...]

[Gestapo-Müller]

Am folgenden Tage wurde ich für abends neun Uhr zum Vortrag bei Hitler bestellt. Heydrich riet mir, mich zuvor beim Gestapochef Müller genau über den Stand der Verhöre des Attentäters Elser zu unterrichten. Hitler könne möglicherweise dahingehende Fragen stellen. Ich nutzte die Gelegenheit, Müller davon zu überzeugen, dass Best und Stevens unmöglich etwas mit der Sache zu tun haben könnten. Er meinte resigniert: "Vielleicht haben Sie recht, aber Hitler hat sich in diese Kombination so verrannt, dass nicht mal ein Heydrich oder Himmler ihn umstimmen könnte."

Ich fragte ihn interessiert, wer nun seiner Meinung nach hinter Elser stecke. Er kniff die Augen zusammen und erwiderte: "Ich komme einfach nicht mit dem Kerl weiter, er ist zu verstockt und bleibt immer bei seiner ersten Aussage - er hasse Hitler, der seinen Bruder als Kommunisten in ein KZ gesperrt habe. Dann behauptet er wieder, ihm habe die aufregende Bastelarbeit an der Höllenmaschine einfach Spaß gemacht, wobei er dann immer das Bild des zerfetzten Körpers Hitlers vor sich gesehen habe. Sprengstoff und Zünder seien ihm von den beiden Unbekannten in einem Münchener Cafe zugesteckt worden. Es kann schon sein", meinte Müller schließlich, "dass der Strasser mit seiner Schwarzen Front die Finger im Spiele hat."

Müller hielt inne und sah nachdenklich vor sich hin. Ich bemerkte, wie übernächtigt er aussah und dass die Knöchel über dem breiten Rücken seiner rechten Hand rot angeschwollen waren. Dann schaute er mich ein wenig von unten herauf an. In seinen Augen lag ein böser Glanz. "Bisher habe ich noch jeden kleingekriegt, den ich mir vorgenommen habe...", sagte er. Mich fröstelte. Müller merkte es und fügte betont hinzu: "Hätte der Kerl meine Ohrfeigen schon früher bekommen, würde er sich diesen Unsinn erst gar nicht ausgedacht haben." - Das war Müller. Er spielte kein Theater, das war seine Natur. Er würde auch weiter versuchen, sein Opfer mit allen Mitteln zum Sprechen zu bringen.

[Bei Hitler]

Anschließend fuhr ich in die Reichskanzlei. Im Vorraum zum großen Speisesaal warteten die Gäste in zwanglosen Gruppen, unter ihnen Heydrich und Himmler. Ich hatte zuvor einen Bericht über die Venlo-Aktion für Hitler abgeben lassen, den dieser noch vor dem Abendessen zu lesen wünschte. Ich unterhielt mich noch einen Augenblick mit Himmler und Heydrich darüber, als sich die Tür öffnete, die zu den Privaträumen Hitlers führte. Er kam mit betont langsamen Schritten, sich dabei noch mit seinem Adjutanten unterhaltend, auf uns zu und begrüßte Heß, Himmler, Heydrich und mich durch Handschlag. Zu den anderen gewendet, hob er die Hand. Die Sitzordnung im Speisesaal wurde lautlos und schnell durch die Adjutanten geregelt. Rechts neben Hitler saß Himmler, daneben ich, dann Heydrich und zur Linken Keitel und Bormann.

Hitler wandte sich sogleich an mich und sagte mit seiner gutturalen Stimme: "Ihr Bericht über die Venlo-Aktion ist recht interessant." Dann entstand eine Pause. Hitlers Gesicht war an jenem Abend unnatürlich rot und verschwollen; er schien erkältet zu sein. Zu Heß hinübergebeugt, klagte er über den tiefen Luftdruck und fragte ihn nach dem Barometerstand in Berlin. Damit war die Stille durchbrochen und ein Gesprächsthema gefunden. Man unterhielt sich über den Luftdruck. Hitler aber hörte jetzt kaum zu. Nach einer Welle wandte er sich plötzlich mit den Worten an Himmler: "Schellenberg glaubt nicht, dass die beiden Engländer etwas mit Elser zu tun haben." Und Himmler darauf: "Ja, mein Führer, aber das ist nur seine Auffassung."

Ich schaltete mich nun in das Gespräch ein und erklärte ganz offen, dass ich ein Zusammenspiel Best-Stevens-Elser für ausgeschlossen hielte: ich könne freilich nicht behaupten, dass der englische Nachrichtendienst nicht durch andere Kanäle mit dem Attentäter in Verbindung gestanden habe. Hitler erwiderte zunächst nichts. Dann wandte er sich an Heydrich: "Ich möchte wissen, um was für einen Typ es sich bei diesem Elser handelt. Man muss den Mann doch irgendwie klassifizieren können. Berichten Sie mir darüber. Im übrigen wenden Sie alle Mittel an, um diesen Verbrecher zum Reden zu bringen. Lassen Sie ihn hypnotisieren, geben Sie ihm Drogen; machen Sie Gebrauch von allem, was unsere heutige Wissenschaft in dieser Richtung erprobt hat. Ich will wissen, wer die Anstifter sind, ich will wissen, wer dahintersteckt." [...]

[Verhöre mit Pervitin]

An einem der folgenden Tage war ich bei einer Besprechung zugegen, die Heydrich mit Müller führte. Müller berichtete, dass sich drei Fachärzte eine Nacht und einen Tag lang mit Elser beschäftigt hätten. Man habe ihm beachtliche Mengen Pervitin eingespritzt, seine Aussage sei jedoch immer die gleiche geblieben. Dann habe er, Müller, einen anderen Weg eingeschlagen, um herauszubekommen, ob Elser tatsächlich selber der Erbauer der Höllenmaschine gewesen sei. Er habe für ihn eine Schreinerwerkstätte einrichten lassen und ihm befohlen, seine Teufelsapparatur noch einmal herzustellen. Elser habe daraufhin innerhalb kurzer Zeit das genaue Gegenstück angefertigt und es in eine Holzsäule eingesetzt. Es sei ein Meisterstück geworden.

Heydrich interessierte die Arbeit Elsers so sehr, dass er sie zu sehen wünschte und mich bat, mitzukommen. Ich sah den Attentäter zum ersten Male. Es war ein kleiner, schmächtiger Mann, etwas blass, mit hellen Augen und einer hohen Stirn - ein Typ, wie man ihn zuweilen unter qualifizierten Handwerkern antrifft. Er sprach unverfälschte schwäbische Mundart, dabei zeigte er sich schüchtern und zurückhaltend ängstlich. Auf Fragen gab er nur widerwillig Antwort, doch taute er auf, wenn man ihn wegen seiner Handfertigkeit lobte; dann erläuterte er sein nachgefertigtes Modell redselig und mit allem Eifer.

[Unter Hypnose]

Von seiner Aussage bezüglich der beiden Unbekannten, mit denen er sich in einem Münchener Lokal getroffen haben wollte, wich Elser nicht ab. Müller gab jedoch nicht auf. Am Nachmittag ließ er vier bekannte Hypnotiseure rufen, es gelang jedoch nur einem, Elser in einen hypnotischen Schlaf zu versetzen, wobei er wiederum bei seinen bisherigen Angaben blieb. Nicht uninteressant dürfte das Urteil dieses Hypnotiseurs sein: Bei Elser handele es sich um einen Fanatiker, einen sektiererischen Einzelgänger mit der Zwangsvorstellung, seinen Bruder rächen zu müssen. Hinzu komme ein Geltungskomplex, auf technischem Gebiet etwas Besonderes zu leisten. Schließlich vereinige sich dieser Geltungskomplex mit dem Drang, sich durch die Beseitigung Hitlers berühmt zu machen und zugleich Deutschland von dem "Übel Hitler" zu befreien.

Himmler war keineswegs mit diesem Ergebnis zufrieden. Fast hilfesuchend sagte er zu mir, bevor er zu Hitler zum Vortrag ging: "Schellenberg, um das geht es doch nicht, wir müssen die Hintermänner finden. Hitler glaubt einfach nicht daran, dass Elser das Attentat allein verübt hat."

Der von Hitler angekündigte "große Prozeß" gegen Elser und Genossen fand niemals statt. Elser selbst wurde in Haft behalten und kam Ende des Krieges in einem Konzentrationslager um.

Quelle: Walter Schellenberg, Aufzeichungen. Die Memoiren des letzten Geheimdienstchefs unter Hitler, München 1979, S. 90 ff (Erstveröffentlichung London 1956)


Walter Schellenberg (* 16. Januar 1910 in Saarbrücken; † 31. März 1952 in Turin, Italien) war zuletzt Chef des SD (Sicherheitsdienst Ausland) und der Militärischen Abwehr im Dritten Reich im Rang eines SS-Brigadeführers und Generalmajors.

Nach Jurastudium und Referendartätigkeit trat Schellenberg 1933 der SS bei. Im SD-Hauptamt unter Reinhard Heydrich begann er in der Organisationsabteilung. 1939 übernahm er im Reichsicherheitshauptamt (RSHA) die Gruppe "IV E Abwehr Inland" innerhalb vom "Amt IV Gestapo". 1941 wurde er Leiter von "Amt VI SD Ausland". 1944 wurde das Amt Ausland/Abwehr (Canaris) aufgelöst und weitgehend in ein neues "Amt Mil" ins RSHA überführt, das dem von Schellenberg geleiteten "Amt VI" zugeordnet war.

Anfang Oktober 1939 war Schellenberg von Heydrich an die Staatspolizeistelle Dortmund versetzt worden, um sich dort als künftiger Amtsgruppenchef im Reichssicherheitshauptamt mit der Praxis der polizeilichen Spionageabwehr vertraut zu machen. Er war 29 Jahre alt, SS-Sturmbannführer, Regierungsrat und zuvor im SD-Hauptamt beschäftigt.

Der Text stammt aus seinen 1956 in London posthum erschienenen Memoiren.

SS-Dienstgrade

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