Große Verdienste um die Elser-Forschung

Zum Tod von Dr. Lothar Gruchmann

Der Entdecker des Berliner Verhörprotokolls

Dr. Dr. h.c. Lothar Gruchmann, der am 13. Juni 2015 im Alter von 86 Jahren in München starb, hat sich große Verdienste um die Elser-Forschung erworben. Er war es, der als Historiker beim Münchener Institut für Zeitgeschichte in Akten des Bundesjustizministeriums forschte und 1964 die Elser-Protokolle entdeckte. Er war ein Experte in Sachen Justiz des "Dritten Reiches" und arbeitete über viele Jahre eng mit der Georg Elser Gedenkstätte zusammen, stand ihr stets mit Rat zur Verfügung.


VON JOACHIM ZILLER

Lothar Gruchmann re. im Gespräch mit Ulrich Renz zur Vorbereitung des Bandes 12 "Der Bürgerbräukeller". Gruchmann überließ der Gedenkstätte wertvolle Pläne.

Das Berliner Verhörprotokoll, von der Georg Elser Gedenkstätte in Band 7 ihrer Schriftenreihe neu herausgegeben, wurden 1970 von Gruchmann erstmals veröffentlicht und hätten eigentlich damals schon zur vollen Rehabilitierung Elsers führen müssen. Der Journalist Ulrich Renz schrieb im Vorwort zu Band 7, diese Aufzeichnungen seien der Schlüssel zur Welt Elsers, da sie tiefe Einblicke in das Denken und Handeln des Königsbronner Widerstandskämpfers gewährten. Sie gelten als historischer Meilenstein, denn sie sind die einzige Möglichkeit, die Gedanken Elsers und den Antrieb seines Widerstandes zu erforschen.

In seinem Vorwort zu Band 7 ließ Gruchmann wissen, dass die Akten - die aus den Beständen des Reichsjustizministeriums stammten - damals in einem ziemlich ungeordneten Zustand und so verstaubt gewesen seien, dass man alle Viertelstunde des Bedürfnis gehabt habe, sich die Hände zu waschen. Er fand in den Unterlagen einen verschlossenen Umschlag mit der Aufschrift "Nur auf Weisung des Abteilungsleiters zu öffnen". Darin befanden sich die Protokolle der Vernehmung Elsers bei der Gestapo, die vom 19. bis zum 23. November 1939 in Berlin stattfand.

Gruchmann sagte 1997 in einem Rundfunkinterview über Elsers Anschlag auf Hitler am 8. November 1939 in München: "Die Tat hat mich fasziniert. Da versucht ein Einzelner in die Weltgeschichte einzugreifen, ohne eine Volksbewegung oder einen organisierten Machtapparat wie die Militärs des 20. Juli hinter sich zu haben, um das bestehende politische System zu ändern." In seinem 1970 erschienenen Buch "Autobiographie eines Attentäters", in dem er den Wortlaut der Protokolle veröffentlichte, schrieb er über den Königsbronner Handwerker: "Elser hat das tragische Geschick eines Menschen erfahren, der - ganz auf sich allein gestellt - im Glauben, das Rechte zu tun, auf seinem Weg unbeirrbar voranschritt und dabei auch Schuld auf sich lud und sein Tun schließlich mit dem Leben büßte, ohne die gebührende Anerkennung zu erfahren. Wir sollten nicht vergessen, dass er dieses Schicksal auch für uns erlitt."


Lothar Gruchmann: Die Entdeckung des Berliner Verhörprotokolls