Georg Elser: Berliner Verhörprotokoll
4.Tag: 22.11.1939

Fortsetzung der Vernehmung des Elser am 22.11.1939 um 9.10 Uhr.

In der Folgezeit habe ich noch vier- bis fünfmal dies Betonhäuschen ebenfalls zur Nachtzeit, es war dies immer von 22-1 Uhr, auf die gleiche Weise betreten und daraus 105 Sprengpatronen und bei meinem letzten dortigen Besuch 125 Sprengkapseln entwendet. Bei den einzelnen Besuchen hatte ich durchschnittlich immer 20-25 Patronen an mich genommen. Die Sprengkapseln waren in dem Betonhäuschen in Blechschachteln auf einem an der Wand angebrachten Brett aufbewahrt. Dies habe ich bereits bei meinen ersten Besuchen im Häuschen festgestellt. Einen besonderen Grund dafür, warum ich die Sprengkapseln erst bei meinem letzten Besuch entwendet habe, kann ich nicht angeben. Die Möglichkeit, mir nach und nach bei diesen Besuchen stets eine Anzahl Sprengkapseln anzueignen, wäre ohne weiteres vorhanden gewesen. Es war eine gefüllte Dose und eine angebrochene Dose mit Sprengkapseln, die ich damals an mich genommen hatte.

Es ist richtig, dass ich wusste, dass zwei oder drei Sprengkapseln für meine Zwecke auch genügt hätten. Ich dachte aber, die überzähligen werden die Sprengwirkung erhöhen.

Die Sprengpatronen und Sprengkapseln habe ich in dem stets von mir mitgeführten Rucksack nach Hause getragen und dort in einem Holzkoffer verwahrt, und zwar unter einem Doppelboden. Diesen Koffer hatte ich bereits während meiner Arbeit bei dem Schreinermeister Sapper in Königsbronn zu Hause angefertigt. Ob meine Lehrzeit damals schon beendet war, kann ich nicht angeben. In diesem Koffer habe ich um die Osterzeit 1939 - es kann dies vor oder nach dem Münchener Besuch gewesen sein - in Königsbronn zwei Geheimfächer angebracht, um den von mir gestohlenen Sprengstoff entsprechend verwahren zu können. Diese Geheimfächer waren unter einem Holzeinsatz des Koffers angebracht und konnten von einem Nichteingeweihten nicht wahrgenommen werden. Den Doppelboden habe ich erst im Juni oder Juli 1939 in Schnaitheim angebracht, um ebenfalls dort die Patronen und Kapseln entsprechend verstauen zu können. Der Koffer war in meinem Zimmer in Schnaitheim neben meinem Bett aufgestellt. Auch in der elterlichen Wohnung ist dieser Koffer neben meinem Bett gestanden. Den Koffer hatte ich stets versperrt, den Schlüssel führte ich stets bei mir.

Es ist richtig, dass ich einmal von Maria Schmauder bei der Anbringung des Doppelbodens beobachtet wurde. Es kann auch sein, dass es in meinem Zimmer war. Dort habe ich gelegentlich auch an dem Koffer gearbeitet. Ich hatte zwar versucht, diese Arbeit so auszuführen, dass es niemand merke, aber es ließ sich doch nicht ganz vermeiden. Es mag sein, dass es auch die Schwester der Maria Schmauder, die Frau Schad, von der Anfertigung dieses Doppelbodens Kenntnis hatte. Auf die Frage nach dem Zweck, habe ich geantwortet, dass ich darin Geld und meine Zeichnungen über "meine Erfindung" und sonstige wichtige Dinge aufbewahren wollen. Dies glaubten sie mir, da ich ihnen ja schon einige Zeit vorher gesagt hatte, dass ich an einer Erfindung arbeiten würde. Die Anfertigung der Geheimfächer, die ich in Königsbronn in meiner Werkstatt vorgenommen hatte, wurde von niemandem wahrgenommen.

Mir ist nichts bekannt, dass die Diebstähle von Sprengstoff und Kapseln aus dem Betonhäuschen beim Steinbruch in Königsbronn irgendwie aufgefallen sind. Wenigstens habe ich nie etwas hiervon gehört. Die Sprengpatronen hatten teilweise den Aufdruck "Donarit" und "Gelantine". Die genaue Verhältniszahl kann ich nicht angeben. Um das Häuschen leichter öffnen zu können, habe ich nach dem erstmaligen Öffnen dieses Häuschens den Schlüssel, der das Schloss der Eisenblechtüre sperrte, etwas zugefeilt.

Mit Sprengarbeiten selbst war ich im Steinbruch nicht beschäftigt. Die Bohrarbeiten hat der Vorarbeiter mit einem oder zwei Gehilfen ausgeführt. Der Vorarbeiter hieß Kolb. Die Namen seiner Gehilfen weiß ich nicht mehr, derselbe Kolb war auch Sprengmeister oder wie man so sagte. Jedenfalls war er für den Sprengstoff verantwortlich und hat die Sprengungen ausgeführt. Wie die Anlieferung des Sprengstoffes geschah, weiß ich nicht. Ich konnte das nicht beobachten. Während meiner Tätigkeit, Steine aufladen, konnte ich beobachten, wie die Sprengungen vorbereitet wurden. Ich habe gesehen, wie je nach der Größe des abzusprengenden Steins ungefähr 1 bis mehrere Meter tiefe Bohrlöcher in den Fels getrieben wurden. Ich habe auch gesehen, wie die Sprengstoffpatronen in das Bohrloch gestopft wurden, wie die Sprengkapseln an der Zündschnur befestigt wurden und wie die Sprengung vor sich ging.

Obwohl ich später zu meiner Tat keine Zündschnur brauchte, hat das, was ich im Steinbruch gesehen habe, mich doch etwas beeinflusst.

[Arbeitsunfähigkeit nach Unfall (Mitte Mai - 22. Juli 1939)]

Am 16. oder 18. Mai 1939 verunglückte ich bei der Arbeit im Steinbruch dadurch, dass ein von einem anderen Arbeiter ohne Warnung losgelöster Stein mir auf den linken Fuß fiel. Ich trug einen Knochenbruch davon. Ins Krankenhaus musste ich mich nicht begeben. Ich stand in ambulanter Behandlung, bei Dr. Freund in Heidenheim. Ich erhielt einen Gipsverband, der von unten bis eine Handbreit über den Knöchel reichte. Zu Hause, d. h. bei Schmauders, lag ich meistens auf dem Sofa. Zu Dr. Freund nach Heidenheim fuhr ich mit dem Fahrrad, mit einem Fuß tretend. Im Wesentlichen habe ich diese Zeit zu Modellversuchen für meinen Apparat verwendet. Am 22. Juli bin ich wieder gesund geschrieben worden, bin aber nicht mehr in den Steinbruch gegangen, d. h. ich habe von da ab nur noch der Vorbereitung für meinen Anschlag gelebt. Der bis dahin gestohlene Sprengstoff schien mir vollkommen auszureichen. Ich glaube, noch während meines Krankseins hatte ich schon im Steinbruch, d. h. bei der Firma Vollmer meine Papiere geholt.

Es gab auch noch andere Steinbrüche in der Gegend, z. B. einen in Schnaitheim. Ich hatte keinen besonderen Grund, gerade den Steinbruch in Königsbronn als Arbeitsstelle auszuwählen. Er lag mir, als ich die Arbeit aufnahm, am nächsten, da ich ja damals noch bei meinen Eltern in Königsbronn wohnte. Es ist nicht so, dass ich etwas gewusst hätte, dass gerade der Vorarbeiter dieses Steinbruchs besonders wenig auf seinen Sprengstoff und seine Sprengkapseln achtet. Auch hatte ich keinen besonderen Freund in diesem Steinbruch oder bei der Firma Vollmer.

Während der Tätigkeit im Steinbruch und auch schon etwas vorher waren meine Vorbereitungen für den Anschlag auch sonst weiter gediehen. Nachdem ich mir durch meine Osterreise nach München die Maße der Säule verschafft hatte, konnte ich mir zuerst rein zeichnerisch über die Konstruktion meines Apparates klar werden. Stundenlang bin ich an einzelnen Tagen über Skizzen, die ich immer selbst fertigte, gesessen und habe mir die Möglichkeit einer Sprengwirkung überlegt, d. h. wie der Apparat aussehen könnte.

Schon vorher wusste ich natürlich, dass man mit Pulver sprengen könne. Im Steinbruch hatte ich dies genau gesehen und hatte auch beobachtet, dass man den Sprengstoff möglichst tief anbringen musste. Außerdem hatte ich gesehen, dass man zur Entzündung des Sprengstoffes Sprengkapseln gebraucht. Da ich bei meinem Anschlag keine Zündschnur verwenden konnte, weil ich ja nicht nebenhin stehen konnte, um diese anzuzünden, musste ich eine andere Möglichkeit finden, die Sprengkapseln zur Entzündung zu bringen. Obwohl ich ein Gewehr innen noch nie gesehen hatte (auch im RFB. in Konstanz hatte ich keinerlei Schusswaffen zu Gesicht bekommen), konnte ich mir doch vorstellen, dass beim Abschuss eines Gewehres eine Feder entspannt und ein Schlag gegen den Patronenboden bewirkt werde. Mein nächster Gedanke war also, mit Hilfe von Gewehrmunition, die Zündung der Sprengkapseln zu bewirken. Ich ging deshalb mal wieder mit dem Fahrrad von Schmauder (mein eigenes hatte ich ja inzwischen längst verkauft) nach Heidenheim in ein Geschäft, in dem Fahrräder repariert und verkauft, Nähmaschinen, Gewehre, Fahrradzubehörteile und Munition verkauft werden. Der Name des Inhabers dieses Geschäfts ist mir nicht bekannt. Ich kann auch die genaue Anschrift nicht angeben, bin aber in der Lage zu beschreiben, wo sich das Geschäft befindet. Es liegt in einer Querstraße der Adolf Hitlerstraße, ganz nahe beim Eckhaus des Drehermeisters Preiß. In diesem Laden verlangte ich einfach Gewehrmunition. Der Mann, der mich bediente, vermutlich der Inhaber (ca. 45 Jahre alt, klein, untersetzt), fragte mich nach dem Kaliber. Ich ließ mir daraufhin sagen, was er denn alles habe. Er nannte einige Kaliber von 6 mm bis 9 mm. Daraufhin ließ ich mir, weil mir die größten am besten erschienen, eine volle Blechschachtel mit 25 oder 50 Stück 9 mm Patronen geben. Welchen Preis ich bezahlt habe, weiß ich nicht mehr. Der Verkäufer fragte mich weder nach einem Jagd- noch nach einem Waffenschein, noch zu welchem Zweck ich die Munition haben wollte. Die Patronen, die er mir gab, hatten eine ungefähr 1 cm lange Hülse, auf die eine Bleikugel (vollkommen rund) aufgesetzt war. Dieser Kauf der Munition fiel in den Monat Juni oder Juli. Genauer kann ich diesen Zeitpunkt nicht mehr angeben.

[Sprengversuche im Obstgarten der Eltern in Königsbronn (Juli 1939)]

Durch einen praktischen Versuch, in einem etwas abgelegenen Obstgarten in Königsbronn, der meinen Eltern gehört, stellte ich fest, dass ich mit Hilfe der gekauften Patronen eine Sprengkapsel zur Entzündung bringen konnte. Zu diesem Versuch fertigte ich mir ein Modell an, das ich aufzeichnen kann.

Vermerk:

Das Modell, das E. skizzierte, wird kurz beschrieben: Auf einem Brett sind zwei Holzklötzchen fest aufmontiert. Beide Klötzchen sind in derselben Richtung waagrecht durchbohrt. In diesen Bohrungen sitzt ein zylindrischer Holzstab fest, auf den eine Spiralfeder aufgeschoben ist. Diese Spiralfeder schlägt auf einer Seite an einem festen Holzklötzchen an. Auf der anderen Seite liegt sie an einem dritten Holzklötzchen, das in einer Bohrung lose über den Holzstab geschoben ist und zwischen den beiden festen Holzklötzchen bewegt werden kann. Mit diesem dritten Holzklötzchen, das auf einer Seite mit einem Nagel versehen ist, kann die Feder gespannt werden. Gegenüber von diesem Nagel befindet sich an einem der festen Klötzchen eine weitere kleinere Bohrung, in die die Patronenhülse der Gewehrmunition und in dieselbe hineinragend eine Sprengkapsel geschoben werden kann. Das Brett wurde in dem Garten an einem Holzblock fest montiert, das bewegliche Klötzchen mit einer Schnur von Elser aus größerer Entfernung zurückgezogen und damit die Feder gespannt. Beim Loslassen der Schnur schnellte das auf dem Holzstab bleibende Klötzchen vor. Der an ihm befestigte Nagel schlug in der Art eines Gewehrschlagbolzens auf den Patronenboden und brachte Zündhütchen und Blattpulverladung der Patrone zur Entzündung und entzündete gleichzeitig die Sprengkapsel. Die Bleikugel aus der Patrone hatte E. vorher entfernt, die weiße in Blattform gepresste Pulverladung aber darin gelassen.

Elser gibt weiter an:

Nachdem es geknallt hatte, habe ich festgestellt, dass das eine Holzklötzchen, in das ich Patronenhülse und Sprengkapsel zusammengeschoben hatte, auseinandergerissen worden war. Damit hatte ich den Nachweis, dass auf diese Weise eine Sprengkapsel auch ohne Zündschnur zur Entzündung gebracht werden konnte.

[Modell und Konstruktionszeichnungen (Juli 1939)]

Dieser Versuch dürfte im Juli stattgefunden haben. Das Modell, das ganz bestimmt das erste Modell war, das ich überhaupt zu irgendeiner Art von Höllenmaschine oder Sprengladung anfertigte, habe ich mir in meiner provisorischen Werkstatt im Hause Schmauder zu Schnaitheim gebaut. Es kam vor, dass gelegentlich jemand die Werkstatt betreten hat. In diesem Fall habe ich mein Arbeitsstück, das Modell, jeweils rasch unter die Bank geschoben und mich mit irgendetwas anderem beschäftigt.

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich den oben beschriebenen Versuch im elterlichen Garten sofort anschließend noch zwei oder dreimal wiederholt habe. Ich hatte mir Holz und Bohrer, Hammer und Nägel schon von zu Hause mitgenommen. Da das eine kleine Hölzchen beim ersten Versuch zerrissen wurde, habe ich für die folgenden Versuche immer gleich wieder ein neues, von mir an Ort und Stelle gebohrtes Klötzchen aufgesetzt. Erst, als der Versuch drei- oder viermal hintereinander gelungen war, gab ich mich zufrieden. Das einmalige Explodieren der Sprengkapsel hätte mir als Beweis dafür, dass sie mit Hilfe einer Patrone zur Entzündung gebracht werden kann, nicht genügt.

Nach diesen Versuchen war mir also die Art der möglichen Entzündung klar geworden. Das Modell, das ich bereits beschrieben habe, war nicht nur das erste, sondern auch das einzige Modell, das ich für die Vorbereitung meines Anschlages bzw. für den Bau meines Apparates benötigt und angefertigt habe. Alles Übrige, besonders die Schwierigkeiten, die mir bei der weiteren Überlegung bezüglich der genauen Konstruktion auftauchten, habe ich zeichnerisch gelöst.

[Ein durch den Versuch halb demoliertes Holzmodell und einige Handskizzen Elsers wurden nach dem Attentat von den Ermittlungsbeamten bei der Familie Schmauder gefunden. - Quelle: Anton Hoch, Das Attentat auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller, in Anton Hoch/Lothar Gruchmann, Georg Elser: Der Attentäter aus dem Volke. Der Anschlag auf Hitler im Münchener Bürgerbräu 1939, Frankfurt a.M. 1980, Fußnote 62]

Wie bereits erwähnt, arbeitete ich im Hause Schmauder stundenlang an diesen Plänen. Ich fertigte sehr viele Skizzen an, auf denen meistens aber nur irgendwelche Einzelheiten von mir zeichnerisch auf die Möglichkeit ihrer praktischen Wirksamkeit geprüft worden war. Diese Skizzen fertigte ich teils in der Küche, teils in meiner Kammer, teils in meiner Werkstatt in Schnaitheim. Natürlich wurde ich dabei, besonders von Familienangehörigen des Hauses Schmauder, öfter beobachtet, und auch gefragt, an was ich arbeite, was das geben solle. Ich erklärte ihnen immer, dass das "eine Erfindung" gäbe. Ich glaube nicht, dass sie dann nähere Einzelheiten wissen wollten. Jedenfalls habe ich ihnen keine solchen gesagt. Ob ich irgendwiemal eine Ausrede benutzt habe, weiß ich nicht.

Es mag sein, dass ich schon vor dem Mai 1939, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, auch dort schon Skizzen dieser Art angefertigt habe, d. h. es ist nicht ausgeschlossen.

Einen Teil der von mir gefertigten Skizzen habe ich immer gleich wieder, entweder weil sie überflüssig geworden oder überholt waren, weggeworfen. Das meiste dürfte mit Holzspänen verbrannt worden sein. Es mag sein, dass im Hause Schmauder noch einzelne solcher Skizzen, die ich gefertigt habe, zu finden sind, d. h. ebensolche, die ich nicht mit nach München genommen habe. Dies war dann ein Versehen von mir.

Vermerk:

Die bei der Durchsuchung in der Wohnung Schmauder gefundenen 3 Handskizzen werden dem E. vorgezeigt. Er erkennt sie als von seiner Hand gefertigt an.

Das oben erwähnte Holzmodell für die Schießversuche habe ich nicht besonders vernichtet. Durch das Schießen hatten sich die Teile schon teilweise voneinander gelöst. In diesem halbdemolierten Zustand habe ich das Ganze dann zu den Hobelspänen geworfen.

Ob diese inzwischen verbrannt worden sind, weiß ich nicht. Wenn nein, so muss es dort heute noch zu finden sein. Die dabei verwendete Spiralfeder habe ich nicht weggeworfen, sondern mit nach München genommen. Bei der Tatausführung habe ich sie jedoch nicht benutzt. Sie muss sich heute noch bei meinem Werkzeug befinden. Diese Feder stammte aus einer von mehreren Kisten mit Alteisen, die, dem Schmauder gehörend, in meiner Werkstatt in Schnaitheim standen. Dort hatte ich damals die Feder, schon stark verrostet, gefunden.

Das schwierigste Problem beim Bau bzw. der zeichnerischen Konstruktion meines Apparates war, die Zündung zu einer vorauszubestimmenden Zeit auszulösen. Es war mir von Anfang an klar, dass ich dazu ein Uhrwerk benützen würde. Ich habe immer einige Werke für Tischuhren mit Gongschlag zu Hause gehabt. Ich habe nämlich seit Jahren solche Uhrwerke von der Firma B. Risterer in Villingen/Schwarzwald bezogen. Zu den Uhrwerken habe ich dann in meiner Freizeit schon immer Uhrengehäuse in allen möglichen Formen selbst gefertigt, gebeizt, mattiert oder poliert, die Uhrwerke eingebaut und die fertigen Tischuhren dann an Bekannte verkauft oder auch verschenkt. Ich erinnere mich auch, dass ich noch von einer anderen Firma, die mir aber im Augenblick nicht einfällt, für diesen Zweck Uhrwerke bezogen habe. Vielleicht etwa 4 solcher Uhrwerke habe ich damals beim Ausscheiden aus der Firma Rothmund in Meersburg im Frühjahr 1932 dort mitgenommen. Als Rothmund nämlich in Rückstand mit seinen Lohnzahlungen kam, habe ich mir von ihm wenigstens statt Bargeld irgendwelches Material ausgebeten. Er hat mir dann die 4 oder 5 Uhrwerke gegeben. Außerdem erhielt ich noch ein halbfertiges Standuhrengehäuse sowie noch einige andere Werkzeuge, die aber zu meiner späteren Tat in keinerlei Beziehungen stehen. Ich hatte damals an die Fa. Rothmund noch Lohnansprüche in Höhe von 176,- RM. Außerhalb des Konkursverfahrens hat mir Rothmund diese Dinge in einem Vergleich übereignet.

Die Art der Übertragung der Uhrbewegung auf meinen Zündmechanismus hatte ich mir ursprünglich anders gedacht, als ich ihn schließlich in der Tat ausführte. Ursprünglich, d. h., ehe ich zur Tatausführung nach München fuhr, wollte ich die Bewegung der Uhr mit Hilfe eines Autowinker-Mechanismus und einer Batterie mit der Zündvorrichtung so koppeln, dass zur bestimmten Zeit der Anschlag magnetisch ausgehoben und so der Eisenklotz mit den Zündstiften durch die Federspannung vorschnellen kann. Ich habe deshalb eine Batterie und 3 Autowinker, von denen ich nur einen gebraucht hätte, damals mit nach München genommen. Erst in München habe ich dann meinen Konstruktionsplan so abgeändert, wie ich ihn später schildern werde. Alle anderen Konstruktionseinzelheiten lagen aber für mich in Schnaitheim schon Ende Juli 1939 fest.

Vermerk:

Diese Einzelheiten des Planes sind weiter unten bei der Tatausführung besprochen.

Elser gibt weiter an:

Wie bereits erwähnt, wurde ich, nachdem mein Knochenbruch am linken Fuß ausgeheilt war, am 22. Juli 1939 vom Arzt wieder gesundgeschrieben. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Pläne bezüglich des Anschlages mit Ausnahme der ebenfalls bereits angedeuteten später durchgeführten Änderungen auf dem Papier und in meinem Kopf fix und fertig.

Ich wollte sobald wie möglich nach München übersiedeln, um dort erst den Bau meines Apparates vorzunehmen. Ich habe den Apparat deswegen nicht schon in Schnaitheim fertiggebaut, um nicht in Gefahr zu laufen, später in München feststellen zu müssen, dass ich vielleicht einzelne Teile größer gebaut hätte, als ich sie nachher unterbringen könnte. d. h. ich musste erst an Ort und Stelle feststellen, wieweit ich den Hohlraum in der Säule vortreiben kann, um danach die Größenverhältnisse meiner Maschinerie festzulegen.

Eigentlich wollte ich am 1. August in München sein, um mir dort gleich zum Monatsbeginn ein Zimmer mieten zu können. Es kam aber noch eine Erkrankung dazwischen. Ich hatte plötzlich unter Fieber, Erbrechen und Durchfall zu leiden, musste 4 Tage das Bett hüten und wurde während dieser Zeit in der Familie Schmauder bzw. Schad gepflegt. Als ich am 5.8. schließlich nach München fahren konnte, war ich noch halb krank.

[Das Datum des 5. August 1939 wurde durch das Schreiben des Bürgermeisteramts Heidenheim, Gesch.Stelle Schnaitheim, vom 18.5.1962 bestätigt. - Quelle: Anton Hoch, Das Attentat auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller, in Anton Hoch/Lothar Gruchmann, Georg Elser: Der Attentäter aus dem Volke. Der Anschlag auf Hitler im Münchener Bürgerbräu 1939, Frankfurt a.M. 1980, Fußnote 63]

[München (5. August - 7. November 1939)]

Alles, was ich glaubte zur weiteren Tatvorbereitung bzw. Ausführung in München nötig zu haben, nahm ich mit, d. h. einen Teil des umfangreichen Werkzeuges habe ich wohl in Kisten verpackt, es mir aber erst nachschicken lassen. Die Verpackung habe ich teilweise in meinem Zimmer, teils in meiner provisorischen Werkstatt vorgenommen. Pulver, Sprengstoff und Sprengkapseln füllten die Geheimfächer und den Doppelboden meines Holzkoffers aus. Die übrigen Sachen waren normal verpackt. Auch die von mir gefertigten Skizzen, die ich eigentlich alle mitnehmen wollte, hatte ich nicht besonders versteckt. Den Koffer, in dem diese Sachen waren, hielt ich natürlich immer verschlossen. Ob mir meine Hausleute beim Packen zugesehen haben, weiß ich nicht mehr genau. Was ich in den Geheimfächern und Doppelboden hatte, haben sie jedenfalls nicht gesehen. Meinen Hausleuten erklärte ich, dass ich in München bereits eine Stelle als gelernter Schreiner habe und deswegen dorthin reise. Ich nannte ihnen sogar den Namen einer Firma, der aber vollkommen aus der Luft gegriffen war. Es mag sein, dass ich als zukünftige Arbeitsfirma die "Deutschen Werkstätten" nannte. Diesen Namen hatte ich, soviel mir noch in Erinnerung ist, bei meiner Stadtbesichtigung anlässlich meines Osterbesuches in München an einem Möbelgeschäft stehen sehen.

An Gegenständen und Geräten, die ich, zur Mitnahme nach München eingepackt hatte, kann ich aus dem Gedächtnis noch folgendes benennen:

5-6 Uhrwerke, von denen nur 3 vollständig gebrauchsfähig waren, die übrigen nahm ich mit, um etwa notwendige Teile aus ihnen entnehmen zu können.

1 Batterie mit 6 Volt Spannung mit 2 Zellen, gekauft in einer Autoreparaturwerkstätte in Herbrechtingen (Name?), wohin ich mit dem Rad fuhr, als in Heidenheim eine solche nicht zu kaufen war. Die Batterie war gebraucht und kostete ungefähr 2-4 RM.

3 Autowinker. Davon habe ich einen als gebraucht in einem Autogeschäft in Heidenheim (Name nicht erinnerlich) geschenkt bekommen, als ich sagte, ich wolle damit etwas ausprobieren. Die anderen beiden habe ich ebenfalls gekauft beim Auto-Maier in Heidenheim zum ungefähren Gesamtpreis von 1,- RM. Auch ihm sagte ich, dass ich etwas ausprobieren wolle.

1 8 cm Granathülse, 24 1/2 cm hoch, die ich bei früheren Besuchen bei einem den Namen nach mir nicht mehr bekannten Schmied in Schnaitheim hatte stehen sehen und die dieser mir schenkte, als ich ihm sagte, ich brauche 2 Büchsen, die ich mir leicht durch Zerschneiden der Hülse herstellen könne. Das war natürlich nicht wahr, sondern ich dachte an die Granathülse gleich als Sprengstoffbehälter.

2 Uhrengewichte, die sich schon bei dem mir von der Fa. Rothmund in Meersburg überlassenen Material befand und für die ich bisher eben keine Verwendung gehabt hatte. Diese hatte ich von vornherein ebenfalls als Sprengstoffbehälter vorgesehen.

250 Pressblättchen Schwarzpulver (Durchmesser 19 mm, 9 mm stark), aus der Armaturenfabrik stammend.

150 Sprengpatronen (Donarit und Gelantine), aus dem Steinbruch Vollmer, Königsbronn, stammend.

ca. 122 Sprengkapseln, aus dem Steinbruch Vollmer stammend. (Etwa 3 Stck. hatte ich zu den Modellversuchen schon gebraucht.)

1 beinahe volle Schachtel mit der 9 mm Gewehrmunition (Stückzahl nicht mehr erinnerlich).

An Werkzeug nahm ich, soweit ich mich noch erinnern kann, folgendes mit:

1 Satz Hobel
mehrere Stechbeutel
2 Flachzangen
1 Holzraspel
1 Gärungsmaß
1 Fischbandeisen
verschiedene Holzbohrer von 3-18 mm  
1 Rohrwinde
1-2 Meißel
3 Hämmer
2 Beißzangen
verschiedene Feilen
2 Winkel
1 Streichmaß
1 Schrägmaß
verschiedene Eisenbohrer von 2-8 mm
1 Fuchsschwanz

Das Werkzeug war in Kisten verpackt. Diese wurden von Schmauders nachgesandt. Kleider, Wäsche und andere persönliche Sachen waren teils im Holzkoffer, und teils in Kisten verpackt. Den Holzkoffer mit Geheimfächern usw. führte ich persönlich mit nach München.

Nach allen diesen Vorbereitungen habe ich Schnaitheim am 5. August 1939 verlassen. Ich fuhr dort gegen 14 Uhr mit dem Personenzug nach Ulm und hatte sodann Anschluss mit dem Schnellzug nach München, wo ich gegen 18 oder 19 Uhr eingetroffen war. In München hatte ich bereits von Schnaitheim aus ein Zimmer gemietet. Mitte Juli hatte ich schriftlich bei der "Münchener Zeitung" ein Inserat aufgegeben mit dem Wortlaut: "Herr sucht einfach möbliertes Zimmer."

[Blumenstraße 19/II bei Baumann (5.-31. August 1939)]

Auf dieses Inserat hin erhielt ich nach einigen Tagen von der "Münchener Zeitung" 40-45 Zimmerangebote zugesandt. Aus diesen Angeboten suchte ich mir wahllos ein Zimmer aus, das ich in der Angertorstr., Hausnummer unbekannt, bekam und von der Familie Schönle zum Preise von 20 RM angeboten wurde. Ich habe damals sofort schriftlich dieses Zimmer gemietet und auch zugleich den Mietpreis für August in Höhe von 20 RM übersandt. Einige Tage darauf erhielt ich diese 20 RM von der Familie Schönle zurück mit der Mitteilung, dass das Zimmer bereits vermietet worden sei. Ich habe deshalb nochmals auf dem gleichen Weg von Schnaitheim aus ein Inserat in der "Münchener Zeitung" auf, auf das mir 5 oder 6 Angebote übermittelt wurden. Darunter befand sich auch das Angebot einer Familie Baumann in der Blumenstr. 19/II, das ich gemietet habe. Ein besonderer Grund der Vermietung dieses Zimmers lag nicht vor. Die Familie Baumann war mir unbekannt, ich wusste nicht, dass Baumann Beamter war. Nach meiner Ankunft in München begab ich mich vom Hauptbahnhof in München aus zur Familie Baumann. Am Hauptbahnhof in München nahm ich zum Transport des von mir mitgeführten Holzkoffers einen Dienstmann in Anspruch, der mich mit dem Koffer mit einem kleinen Lieferkraftwagen dorthin gefahren hat. Für den Transport musste ich ungefähr 3.- RM bezahlen, der Name des Dienstmannes und das Kennzeichen des Lieferkraftwagens sind mir nicht bekannt. Das Zimmer bei Baumann konnte ich ohne weiteres beziehen. Es wurden für den Monat August von Frau Baumann noch 30 RM Miete verlangt. Die Monatsmiete hat insgesamt 35 RM betragen. Auf Befragen gab ich der Familie Baumann im Laufe der Zeit Auskunft über meine Herkunft und über meinen Beruf, ich erklärte ihnen, dass ich auf unbestimmte Zeit in München sei und einen Polierkursus besuche, d. h. das Polieren lerne. Ferner teilte ich ihnen gelegentlich einer Unterhaltung mit, dass ich an einer Erfindung arbeite, trotzdem die Familie Baumann Interesse an der Erfindung hatte, habe ich ihnen keinerlei Mitteilungen oder Andeutungen gemacht. Das Frühstück habe ich von Familie Baumann erhalten. Dies wurde gesondert verrechnet. Hierfür musste ich 20 RM bezahlen. Das Zimmer bei Baumann habe ich sehr wenig verlassen. Es war dies lediglich zur Einnahme des Mittagessens, zur Einnahme des Abendessens und zu der Zeit, wo ich im Bürgerbräukeller gearbeitet habe. Meinen Lebensunterhalt bestritt ich von meinen Ersparnissen, ich führte damals 350-400 RM bei mir. Bei Baumann war ich unter meinen richtigen Personalien polizeilich angemeldet. Das nächtliche Ausbleiben fiel der Familie Baumann bald auf. Auf Befragen teilte ich ihnen mit, dass ich nachts an meiner Erfindung studiere und dass ich mich deswegen im Freien auf einer Bank aufhalte. Weitere diesbezügliche Fragen wurden weder von Herrn Baumann noch von Frau Baumann gestellt. In meinen Holzkoffer konnte die Familie Baumann keine Einsicht nehmen, nachdem dieser von mir ständig versperrt gehalten wurde. Die Schlüssel hierzu führte ich stets bei mir. Soviel ich mich entsinne, habe ich dort keine Skizzen oder Zeichnungen angefertigt. Tagsüber lag ich die meiste Zeit auf dem Sofa. Hier und da habe ich der Frau Baumann bei Hausarbeiten, z. B. Einkaufen, Holzspalten u. dgl. geholfen.

[Türkenstraße 94/II bei Lehmann (1. September - 30. Oktober 1939)]

Nachdem mir der Mietpreis für das Zimmer bei Baumann zu hoch war, und nachdem ich dort keine Gelegenheit zum Basteln hatte, es war ein sehr gut eingerichtetes Zimmer, habe ich mich am 1.9.39 in der Türkenstr. 94/II, bei Lehmann, Tapezierer, eingemietet. Auf dieses Zimmer wurde ich durch ein Inserat in den "Münchener Neuesten Nachrichten" aufmerksam, das ich Ende August 1939 dort einsetzen ließ. Die Familie Lehmann war mir damals, wie auch früher die Familie Baumann gänzlich unbekannt. Dort hatte ich ein kleines Zimmer, wofür ich 17,50 RM ohne Frühstück bezahlen musste. Auch dort habe ich mich polizeilich unter meinen richtigen Personalien angemeldet. Auch der Familie Lehmann gab ich auf Befragen Auskunft über meine Herkunft und über meinen Beruf. Auch diesen teilte ich mit, dass ich an einer Erfindung arbeite und dass ich mich deswegen nach München begeben habe. Näheres über diese Erfindung gab ich auch hier nicht an. Auch dort habe ich mich tagsüber die meiste Zeit im Zimmer aufgehalten. Ich habe dieses Zimmer ebenfalls nur zur Einnahme des Mittagessens und des Abendessens und zur Verrichtung der Vorarbeiten im Bürgerbräukeller, die nur zur Nachtzeit vorgenommen wurden, verlassen. Hier und da begab ich mich auch zur Familie Baumann, wo ich Holz gespaltet habe. Dafür erhielt ich Mittag-, Abendessen und noch etwas Trinkgeld. Zu dem Umzug habe ich ebenfalls einen Dienstmann, der mir unbekannt ist, in Anspruch genommen. Auch dort hielt ich meinen Holzkoffer ständig versperrt, so dass niemand in denselben Einsicht nehmen konnte. Das nächtliche Ausbleiben fiel auch der Familie Lehmann auf, deshalb wurde ich von diesen aber nie befragt. Dieses Zimmer hatte ich bis 1. November 1939. Bezüglich der Nichtbefragung wegen des nächtlichen Ausbleibens vermute ich, dass die Familie Lehmann der Meinung war, dass ich bei Baumann oftmals zu Besuch bin. In diesem Zimmer war mir Gelegenheit zu Basteln und Zeichnen geboten.

Von Ostern 1939 bis zu meiner Ankunft in München im August 1939 stand ich mit irgendwelchen Personen in München in keinerlei Verbindung. Ich habe lediglich einige Zeit nach Ostern - nähere Angabe kann ich unmöglich machen - einem Serviermädchen des Bürgerbräukellers, von der ich die Anschrift hatte, Abzüge von den bereits erwähnten Aufnahmen im Garten des Bürgerbräukellers übersandt. An dieses Mädchen habe ich auch einige Zeilen in diesem Brief gerichtet, den Inhalt weiß ich heute nicht mehr. Auch ist mir der Name und die Adresse des Mädchens nicht mehr bekannt. Wenn ich gefragt werde, ob es sich um die Anna Ludwig handelt, so muss ich dies bestätigen. Dieser Brief kam nach einigen Tagen als unbestellbar zurück. (Unter dieser Adresse schrieb mir auch Frau Härlen aus Esslingen.) Einen besonderen Grund, warum ich meine Sendungen postlagernd schicken ließ, hatte ich nicht. Ich wollte dadurch lediglich bezwecken, dass Maria Schmauder von einem Briefwechsel keine Kenntnis erhält.

Nachdem ich der Ansicht war, dass ich die Anschrift der Ludwig auf dem Brief nicht richtig vorgetragen hatte, übersandte ich die Aufnahme nach einigen Tagen an die Ludwig unter der Anschrift Bürgerbräukeller. In diesem Brief teilte ich ihr mit, dass die erste Sendung unter der Privatanschrift als unbestellbar zurückgekommen sei. Ferner bat ich sie, an den Hausburschen und an die Zigarrenfrau im Bürgerbräukeller und den übrigen Serviermädchen Grüße zu übermitteln. Für diese waren ebenfalls Abzüge der Aufnahmen von Ostern beigelegt. Eine Antwort erhielt ich auf diesen Brief von der Ludwig nicht. Ich habe von dieser auch nie etwas mehr gehört.

In der Zeit von Ostern bis August 1939 habe ich auch von dem Hausburschen im Bürgerbräukeller und von dem Unbekannten, der seinerzeit in der Wirtschaft "Am Gasteig" dabei war, nichts mehr gehört. Der Hausbursche hat weder mir, noch habe ich ihm geschrieben. Weitere Personen aus München waren mir nicht bekannt.

Meinen Jugendfreund Rau habe ich seit 1925 nur noch sehr selten gesprochen. In Briefwechsel standen wir nie. Das letzte Mal sah ich ihn im Monat Juli 1939, als ich mich in Königsbronn zur Vornahme der Versuche an meinem Modell aufgehalten habe. Ich traf ihn damals mit seiner Frau, er hatte inzwischen geheiratet, auf der Straße in Königsbronn und unterhielt mich ungefähr 1/2 Stunde über allgemeine Sachen. Ich erklärte ihm damals, dass ich meinem Vater soeben einen Besuch abstatte. Von meinem Vorhaben und meinen Absichten hatte er keine Ahnung. Die in Königsbronn von mir angestellten Versuche hat er nicht wahrgenommen. Diese wurden lediglich von meinem Vater beobachtet. Auch ich habe meinem Vater keinerlei Erklärungen hierzu abgegeben. Er hat nur einem Versuch beigewohnt und hat anschließend Gartenarbeit verrichtet. An Einzelheiten meiner dortigen Arbeiten hatte er kein Interesse, d. h., er hat sich darum nicht gekümmert.

Mitte September teilte ich Rau schriftlich meine Münchener Ankunft mit und bat ihn, diese meinem Vater zu übermitteln. Ob er dies getan hat, ist mir nicht bekannt. Von Rau erhielt ich keinerlei Antwort. Auch mein Vater ließ nichts hören. Dadurch wollte ich lediglich vermeiden, dass meine Mutter und mein Bruder Kenntnis von meinem Aufenthalt erlangten. Mit diesen war ich verfeindet.

Weitere Freundschaften hatte ich zu dieser Zeit nicht. Die Fahrt nach München habe ich allein ausgeführt. Auch auf dieser Fahrt hatte ich keinerlei Reisebekanntschaften gemacht.

Während dieser ganzen Zeit von August 1939 bis November 1939 stand ich in keinem geordneten Arbeitsverhältnis. Ich war lediglich mit den vorbereitenden Arbeiten für meinen Anschlag beschäftigt.

Mein Gesamtplan für die Tat stand schon nach kurzer Zeit genau fest. Schon damals im Jahre 1938, als ich den ersten Entschluss zu meiner Tat fasste, war ich mir darüber im Klaren, dass ich nicht länger in Deutschland bleiben konnte. Ich wollte schon ehe meine Uhren die Explosion auslösten, in der Schweiz sein. Für die Schweiz habe ich mich lediglich deshalb entschieden, weil es mir als das Nächstliegende erschien. In anderen Ländern, wie etwa Italien, hätte ich mich gar nicht ausgekannt. Die Grenzübergangsstellen zur Schweiz in der Nähe von Konstanz kannte ich dagegen von meinem mehrjährigen Aufenthalt in Konstanz her sehr gut. Damals hatte ich mich allerdings noch nicht mit einem Grenzübertritt über die grüne Grenze beschäftigt. Ich hatte es ja nicht notwendig, da ich seinerzeit im Besitz eines kleinen Grenzscheines war. Nach meinem illegalen Grenzübertritt (nach Ingangsetzen der Uhren) wollte ich in der Schweiz Arbeit als Schreiner oder auch sonst irgendwelcher Art suchen. Wenn mir vorgehalten wird, dass jüdische Organisation Belohnungen für Attentate auf den Führer ausgesetzt haben, so kann ich nur erklären, dass mir dies bis heute nicht bekannt war. Ich hoffte auch nicht, in der Schweiz als Attentäter irgendwelche Vorteile zu kriegen. Wenn ich meiner Schwester versprochen habe, ihr vom Ausland aus Geld zu schicken, so dachte ich lediglich daran, dass mir solche Unterstützung in Zukunft leichter möglich sein würde, da ich von der Schweiz aus natürlich keine Alimente mehr bezahlt hätte. Ich hatte außerdem die Absicht, und dies mir schon eingehend überlegt, von der Schweiz aus an die deutsche Polizei ausführlich zu schreiben, zu erklären, dass ich der Alleinschuldige an dem Attentat sei, keine Mitwisser oder Mittäter gehabt habe. Ich hätte außerdem eine genaue Zeichnung meines Apparates sowie eine Beschreibung über die Ausführung der Tat mitgeschickt, damit man meine Behauptung hätte nachprüfen können. Mit einer solchen Mitteilung an die deutsche Polizei wollte ich lediglich bezwecken, dass keinesfalls irgendwelche unschuldige Personen auf der Suche nach dem Täter verhaftet würden.

Ich hatte mir auch überlegt, dass es unter Umständen möglich sein könnte, dass ich von der Schweiz an Deutschland ausgeliefert werden würde. Dem wollte ich dadurch vorbeugen, dass ich bestimmtes Material, von dem ich glaubte, dass es für die Schweizer militärischen Stellungen von Interesse sei, mitnahm.

Während meiner Tätigkeit in der Versandabteilung der Armaturenfabrik in Heidenheim habe ich pflichtgemäß ein Notizbuch über Eingänge, z.B. leere Pulverkisten, die wir voll an eine bestimmte Firma geschickt hatten, geführt. Obwohl dieses Buch seinerzeit von der Fa. zur Verfügung gestellt worden war, habe ich es nach Lösung des Arbeitsverhältnisses damals mit nach Hause genommen, da erst einige Seiten beschrieben waren. Ob ich es mir damals schon überlegt habe, dass ich diese Eintragungen später gebrauchen könnte, weiß ich heute nicht mehr. Bei meinem Austritt aus der Firma wurde mir dieses Notizbuch nicht abverlangt. Ich habe dieses Notizbuch vollständig am 5. August mit meinen übrigen Sachen mit nach München genommen und es dort zu gelegentlichen Eintragungen weiter benutzt. Es war aber nicht dasselbe Notizbuch wie jenes, in das ich während meines Osterbesuches die Maßskizze der Säule eingezeichnet habe. Es mag sein, dass ich am 5. 8. das Notizbuch schon in Gedanken mit nach München nahm, die Eintragungen darin später in der Schweiz nutzbar machen zu können.

Die Seiten, die ich mit in die Schweiz nehmen wollte, enthielten, wie bereits angedeutet, Eintragungen, aus denen für eine Reihe von deutschen Firmen zu entnehmen war, dass sie für die deutsche Rüstung tätig sind. Ich hoffte bestimmt, dass mich die Schweizer nicht ausweisen würden, wenn ich ihnen diese Mitteilungen überbringen würde. Hätten sie mich trotzdem aus der Schweiz abgeschoben, so hätte ich gebeten, nach Frankreich überstellt zu werden. Aber auch dafür hatte ich keinerlei bestimmten Grund. Ich wollte lediglich einer festen Arbeit nachgehen. Es ist mir nicht bekannt, dass die Franzosen sogenannte Emigranten in die Konzentrationslager stecken. An eine Belohnung habe ich auch bezügl. Frankreich nicht gedacht. Ich hoffte nur, die Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Wenn mir die Schweizer für diesen Fall der Abschiebung nicht schon die Mitteilungen über die deutschen Rüstungsfirmen abgenommen hätten, würde ich diese Aufzeichnungen den Franzosen abgegeben haben.

Ich muss zugeben, dass ich mich daran erinnere, beim Eintritt in die Firma oder vielleicht auch etwas später über die Geheimhaltungsbedürftigkeit jeglicher Einzelheiten bezügl. der Pulverfabrikation hingewiesen worden sein. Soviel ich weiß, wurde uns allen damals ein Zettel vorgelegt, den man unterschreiben musste. Ob darauf etwas von Landesverrat, Spionage oder Todesstrafe stand, weiß ich nicht mehr.

Mit der anderen Möglichkeit, dass es mir etwa nicht gelingen sollte, in die Schweiz zu gelangen, habe ich kaum gerechnet, d. h. ich hoffte bestimmt, dass mir dies gelingen würde. Wenn sie mich erwischen, dachte ich, muss ich eben die Strafe auf mich nehmen.

Die meines Erachtens vollkommen unwesentlichen Zünderteile, die bei meiner Festnahme in meiner Tasche gefunden wurden, wollte ich bestimmt nicht mit in die Schweiz nehmen.

(Vermerk: Auf diese Dinge wird später noch eingegangen). Von Seite 1-150 selbst gelesen, genehmigt, unterschrieben:

gez.: Georg Elser.

Unterbrochen am 22.11.1939 um 19.10 Uhr.

gez. Kappler, gez. Seibold, gez. Schmidt
Kriminalkommissare.


Quelle: Bundesarchiv Koblenz, Signatur R 22/3100


Zum nächsten Tag: Verhörprotokoll 23.11.1939

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