Wird die Bremer Langemarckstraße
in Georg-Elser-Allee umbenannt?
Die Georg-Elser-Initiative Bremen setzt sich dafür ein, die Langemarckstraße in Georg-Elser-Allee umzubenennen. Nachdem der zuständige Stadtteilbeirat Neustadt im Dezember 2022 eine entsprechende Entscheidung getroffen hatte, formierte sich deutlicher Protest.
Im Frühjahr 2024 sammelte die Interessengemeinschaft Langemarckstraße im Rahmen einer Petition mehr als 1700 Unterschriften für den Erhalt des bisherigen Straßennamens.
Zahlreiche Institutionen im In- und Ausland haben sich seither ebenfalls für eine Beibehaltung ausgesprochen. Sie argumentieren, dass mit einer Umbenennung die Erinnerung an den historischen Themenkomplex „Langemarck“ in Bremen verloren gehen könnte. Eine endgültige Entscheidung wird bis zum Sommer 2026 erwartet.
Stadtteilbeirat für Umbenennung
Kent, Langemark und Ypern für den Erhalt
Staatsarchiv Bremen für den Erhalt
Landesfilmarchiv Bremen für den Erhalt
Ausstellung des Staatsarchivs Bremen
Forderung nach stärkerer Bürgerbeteiligung
HiKo der SPD Land Bremen und WK-Chefredakteur Piel für den Erhalt
Beteiligungsverfahren bis 30. April 2026
Georg-Elser-Initiative Bremen zieht Umbenennungsantrag zurück
Websites der Hauptkontrahenten
33 Langemarckstraßen/plätze/wege/parks
Langemarckstraße in Bremen auf OpenStreetMap
Auszug aus einer Broschüre der Georg-Elser-Initiative Bremen
Journal of Modern History, Band 94, Nr. 1 (März 2022), S. 1–41
Das "Gefallenen-Ehrenmal der Technischen Lehranstalten" wurde 1934 vor der heutigen Hochschule Bremen errichtet,
als dieser Abschnitt der heutigen Langemarckstraße noch Kleine Allee hieß.
1988 wurde es von unbekannten Tätern umgestürzt.
2020 wurde es saniert und im umgestürzten Zustand ein paar Meter weiter an den heutigen Standort versetzt:
Mythos Langemarck
Der Mythos von Langenmarck diente während der Weimarer Republik und ganz besonders in der Zeit des Nationalsozialismus der Verklärung einer verlustreichen militärischen Auseinandersetzung im Ersten Weltkrieg, die im November 1914 in der Nähe des belgischen Ortes Langemarck (heutige Schreibweise: Langemark) stattfand.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die überwiegende Mehrzahl der während der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus nach Langemarck benannten Straßen umbenannt. Übriggeblieben sind heute noch 32 Straßen, Plätze und Wege sowie ein Park, die an Langemarck erinnern. mehr...
Die Bremer Langemarckstraße erhielt 1937 ihren Namen. Zuvor hieß sie von der Weser bis zur Westerstraße Große Allee, von dort bis zur Neustadtscontrescarpe Kleine Allee und von dort bis zur Neuenlander Straße Meterstraße. Die Langemarckstraße ist 1,4 Kilometer lang und eine von drei wichtigen Verkehrsadern, die vom Stadtteil Neustadt aus südlicher Richtung zum Stadtzentrum führen.
Stadtteilbeirat für Umbenennung
Am 15. Dezember 2022 hat der Stadtteilbeirat von Bremen-Neustadt in einer Abstimmung, an der nicht alle Fraktionen teilnahmen, einstimmig beschlossen, dass die Langemarckstraße in Georg-Elser-Allee umbenannt werden soll. Er folgte damit einer Anregung der Georg-Elser-Initiative Bremen.
Rund neunhundert Haushalte, Gewerbetreibende, Behörden und einige Großbetriebe haben die Langemarckstraße als Adresse. 1982 und 2005 gab es bereits Initiativen zur Umbenennung der Langemarckstraße. Sie scheiterten aber unter anderem an den immensen Kosten, die auf die Betroffenen für die Änderungen von Ausweisen, Registereinträgen, Briefbögen, Werbemitteln usw. zugekommen wären.
Die Georg-Elser-Initiative Bremen will die Anwohner der Langemarckstraße beispielsweise bei Behördengängen oder bei der Erstellung von Schreiben an Versicherungen unterstützen. Für alle in diesem Zusammenhang anfallenden Kosten stehe ein Spendenbetrag von 100.000 Euro zur Verfügung.
Kent, Langemark und Ypern für den Erhalt
Bereits im März 2022 hatten sich Mark Connelly and Stefan Goebel von der University of Kent in der Zeitschrift "Journal of Modern History" unter dem Titel
Forgetting the Great War? The Langemarck Myth between Cultural Oblivion and Critical Memory in (West) Germany, 1945–2014
ausgiebig mit der deutschen Erinnerungskultur zum Thema Langemarck auseinandergesetzt.
Artikel von Connelly/Goebel über LangemarckIm November 2022 schrieb Stefan Goebel gemeinsam mit Vertretern der belgischen Gemeinde
Langemark-Poelkapelle
und des In Flanders Fields Museums in Ypern einen Brief an den Bremer Bürgermeister und bezeichnete eine Umbenennung der
Bremer Langemarckstraße als "weder notwendig noch wünschenswert." Man wolle einen Dialog über das Erbe von Langemarck in
deutschen Städten beginnen und hoffe, dass man in Bremen diese Initiative unterstützen werde.
Brief an den Bremer Bürgermeister
Übersetzung ins Deutsche mit Microsoft Copilot
Staatsarchiv Bremen für den Erhalt
Im Mai 2023 riet das Staatsarchiv Bremen "im Hinblick auf die in Bremen gelebte Praxis historisch-kritischer Reflexion
aus historischer Sicht" von einer Umbenennung ab. Die Langemarckstraße sei zwar sieben Jahre lang
unwidersprochen im Kontext der NS-Propaganda gestanden, habe aber seither auf vielfältige Weise Anstoß zum kritischen Erinnern,
zum Einordnen historischer Zusammenhänge und zur Revision von überholten Vorstellungen gegeben.
Stellungnahme des Staatsarchivs Bremen
Petition für den Erhalt
Die Interessengemeinschaft Langemarckstraße, die im Frühjahr 2024 im Rahmen einer Petition über 1700 Stimmen für den Erhalt des bisherigen Straßennamens gesammelt hat, vertritt den Standpunkt, dass die Erhaltung der Langemarckstraße eine Mahnung sei, dass Geschichte oft missbraucht wurde, um politische und kriegerische Ziele zu fördern. Die Umbenennung würde die kritische Erinnerungsfunktion dieser historischen Stätte schwächen und könne dazu führen, dass wichtige Lehren aus der Geschichte verloren gehen.
Als erfolgreich umgesetztes Beispiel nennt die Interessengemeinschaft das in ein Mahnmal umgewandelte Ehrenmal für die zweihundert im Ersten Weltkrieg gefallenen Angehörigen der ehemaligen Technischen Lehranstalten. Es befindet sich an der Langemarckstraße bei der Hochschule Bremen in den Neustadtswallanlagen.
Landesfilmarchiv Bremen für den Erhalt
Im Mai 2024 sprach sich der Leiter des Bremer Landesfilmarchivs Daniel Tilgner gegen die Umbenennung aus, da die
Langemarckstraße nicht an der Neuenlander Straße ende, sondern im sechshundert Kilometer entfernten Langemark.
Video bei Radio Bremen
Ausstellung des Staatsarchivs Bremen
Im Rahmen eines gemeinsamen Erinnerungs- und Friedensprojekts mit- der belgischen Gemeinde Langemark-Poelkapelle,
- dem "In Flanders Fields Museum" in Ypern und
- der University of Kent,
Ausstellungsbroschüre des Staatsarchivs Bremen
Video bei Radio Bremen
Forderung nach stärkerer Bürgerbeteiligung
Der Bremer Senat hat nach Protesten gegen die Umbenennung eine stärkere Bürgerbeteiligung eingefordert.
Video bei Radio Bremen
Daher fanden Gespräche unter anderem mit der Georg-Elser-Initiative Bremen, der Senatskanzlei, einer Bürgerbeauftragten und der Interessengemeinschaft Langemarckstraße statt, die sich für den Erhalt des bisherigen Straßennamens einsetzt.
HiKo der SPD Land Bremen und WK-Chefredakteur Piel für den Erhalt
Für den Erhalt des Straßennamens plädieren inzwischen auch die Historische Kommission (HiKo) der SPD Land Bremen sowie der Chefredakteur des Weser-Kuriers Benjamin Piel.
Beteiligungsverfahren bis 30. April 2026
Laut Weser-Kurier vom 25. Februar 2026 ist als nächster Schritt ein Beteiligungsverfahren mit schriftlicher Befragung der Anwohnerschaft geplant.
Georg-Elser-Initiative Bremen zieht Umbenennungsantrag zurück
Es zeugt von selbstkritischer Auseinandersetzung, dass die Georg-Elser-Initiative Bremen ihren früheren Wunsch nach einer Umbenennung der „Langemarckstraße” in „Georg-Elser-Allee” inzwischen selbst als Fehler betrachtet.
In einer Erklärung vom 20. Mai 2026 teilt die Initiative mit, „dass zu keinem Zeitpunkt das Gedenken an die in Belgien Gefallenen des ersten Weltkrieges und das Andenken und die Ehrung des Widerstandskämpfers Georg Elser gegeneinander ausgespielt werden sollten und dürfen.”
Weiter heißt es: „Wir ziehen hiermit unseren Antrag vom 14. September 2022 auf Umbenennung des Straßenzuges zurück.” Stattdessen regt die Initiative jetzt an, „den Zentralbereich der Neustadtswallanlagen in Georg-Elser-Park zu benennen” und bittet den Beirat, dafür alle Schritte einzuleiten.
Erklärung der Georg-Elser-Initiative Bremen vom 20. Mai 2026
Wir haben im Stadtteil mit den Mitgliedern des Beirats, den Vertretern des Ortsamts und weiteren Akteuren in den letzten Monaten intensiv zusammengearbeitet, um die vom Senat geforderte weitere Bürgerbeteiligung zur Umbenennung der Langemarckstraße in Georg-Elser-Allee mitzugestalten. Wir danken insbesondere allen beteiligten Beiratsmitgliedern und den Vertretern des Ortsamtes für ihren unermüdlichen persönlichen Einsatz für die gute Sache. Und gerade die Beiratsmitglieder haben dies ja ehrenamtlich neben ihrem anderen großen Engagement für den Stadtteil getan.
Aus den Stellungnahmen der Bürgerinnen und Bürger ergibt sich in Teilen ein sehr differenziertes Meinungsbild zu diesem Thema. Viele Menschen haben sich konstruktiv mit der geplanten Umbenennung auseinandergesetzt. Wir konnten erkennen, dass eine erhebliche Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern dem Ansatz des Beirats und unserer Initiative folgen wollte und Georg Elser als mutigen Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime ehren wollte. Verbunden damit die Beseitigung der Kriegspropaganda fördernden Benennung des Straßenzuges in Langemarckstraße im Jahre 1937.
Ein wesentlicher Teil der antwortenden Bürgerinnen und Bürger war ganz offensichtlich auch dankbar für die Aufklärungsarbeit der Zwischenzeit zum Thema Mythos von Langemarck und zur Entstehung des Namens Langemarckstraße. Von diesen Menschen kam dann auch sehr oft der Wunsch, den Straßennamen zu erhalten und ein ehrenvolles Andenken an die in Belgien Gefallenen des ersten Weltkrieges auch in Bremen aufzubauen.
Leider gab es in den vergangenen Jahren auch sehr unqualifizierte und aufhetzende Beiträge zu diesem Thema. Diese so erzeugte Stimmung entlud sich in pöbelnden Emails, Briefen und insbesondere auch in der ersten Bürgerversammlung.
Völlig unbeachtet blieb dabei, dass der Stadtteilbeirat ja nicht nur die Umbenennung beschloss, sondern zugleich auch die Förderung des Alleecharakters forderte und wirksame Schritte zum Gedenken an den Mythos von Langemarck befürwortete.
Für uns ist es nach intensiver interner Beratung sehr wichtig, euch mitzuteilen, dass zu keinem Zeitpunkt das Gedenken an die in Belgien Gefallenen des ersten Weltkrieges und das Andenken und die Ehrung des Widerstandskämpfers Georg Elser gegeneinander ausgespielt werden sollten und dürfen. Von einigen Bürgerinnen und Bürgern ist die öffentliche Debatte leider in diese Richtung zugespitzt worden. Das beschädigt beide berechtigten Ansinnen. Der Name Georg Elser sollte zukünftig positiv mit dem Straßenzug verbunden sein.
Wir ziehen hiermit unseren Antrag vom 14. September 2022 auf Umbenennung des Straßenzuges zurück.
Der Stadtteilbeirat wird sich in den nächsten Wochen noch intensiv mit dem Thema beschäftigen und eine Entscheidung zur Umbenennung treffen. Sollte die Entscheidung getroffen werden, die Umbenennung nicht durchzuführen, regen wir an, den Zentralbereich der Neustadtswallanlagen in Georg-Elser-Park zu benennen und bitten den Beirat, dafür alle Schritte einzuleiten. Wir bieten an, verantwortlich in jeder Hinsicht an der Ausgestaltung mitarbeiten. Dazu könnte ergänzend auch eine Benennung der ÖPNV-Haltestelle in "Hochschule Bremen/Georg-Elser-Park" infrage kommen.
Websites der Hauptkontrahenten
- Für die Umbenennung in Georg-Elser-Allee: Georg-Elser-Initiative Bremen
- Für den Erhalt der Langemarckstraße: Interessengemeinschaft Langemarckstraße
Videos
Umbenennung Langemarckstraße. Quelle: buten un binnen (Radio Bremen) 21. Dezember 2022.
Landesfilmarchivleiter Daniel Tilgner. Quelle: buten un binnen (Radio Bremen) 5. Mai 2024.
Bremer Senat fordert Bürgerbeteiligung. Quelle: buten un binnen (Radio Bremen) 29. Mai 2024.
Ausstellung des Staatsarchivs Bremen mit Kommentaren von Konrad Elmshäuser (Staatsarchiv Bremen) und Stefan Goebel (University of Kent). Quelle: buten un binnen (Radio Bremen) 11. Mai 2025.
33 Langemarckstraßen/plätze/wege/parks
Bereits in der Weimarer Republik entstanden zahlreiche Langemarckstraßen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 nahm die Zahl von nach Langemarck benannten Straßen, Plätze, Wege und Parks massiv zu.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in der Sowjetischen Besatzungszone sämtliche und in den Westzonen die meisten von ihnen umbenannt. Heute sind – ausschließlich in den alten Bundesländern, wo sich die überwiegende Mehrheit der Langemarckstraßen konzentrierte – noch 33 davon übriggeblieben. Drei davon werden inzwischen in der heutigen Schreibweise des belgischen Orts (mit "k" statt mit "ck") geschrieben.
| Langemarckstraßen | Langemarckplätze | |
| 1 | Augsburg * | 28 Erlangen |
| 2 | Bad Wildungen | 29 Koblenz **** |
| 3 | Bedburg | 30 Rothenburg ob der Tauber |
| 4 | Bonn | |
| 5 | Bremen | Langemarckwege |
| 6 | Donauwörth | 31 Bergisch Gladbach |
| 7 | Dormagen ** | 32 Korbach |
| 8 | Duisburg | |
| 9 | Eckernförde | Langemarckpark |
| 10 | Eislingen/Fils | 33 Düren |
| 11 | Eschwege | |
| 12 | Essen | |
| 13 | Freiburg im Breisgau | |
| 14 | Gelsenkirchen | |
| 15 | Gersthofen | |
| 16 | Gräfelfing | |
| 17 | Kitzingen | |
| 18 | Münster | |
| 19 | Neuss | |
| 20 | Niederfischbach ** | |
| 21 | Oberhausen ** | |
| 22 | Passau | |
| 23 | Prüm | |
| 24 | Rastatt | |
| 25 | Rotenburg an der Wümme | |
| 26 | Sankt Augustin *** | |
| 27 | Troisdorf | |
* In Augsburg gibt es auch ein Hotel Langemarck.
** Langemarkstraße (mit c statt ck, so wie der Ort heute heißt).
*** Diese Langemarckstraße wurde 1956 neu geschaffen.
**** An diesem Platz befindet sich die Langemarck-Kaserne.
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