Von britischer Regierung ursprünglich bis 2015 gesperrt
Die Ereignisse, die am 9. November 1939 an der niederländischen Grenze bei Venlo in die Entführung
zweier hochrangiger britischer Geheimdienstoffiziere durch ein SS-Spezialkommando mündeten, sind aus historischer
Sicht - auch in der Verbindung mit dem Bürgerbräuattentat von Georg Elser - bisher recht umfassend aufgearbeitet.
Ein wunder Punkt war jedoch bisher, trotz ansonsten guter Quellenlage, die Existenz einer offensichtlich hochbrisanten,
bis zum Jahr 2015 (!) gesperrten britischen Regierungsakte aus dem Jahr 1939.
VON PETER KOBLANK
Das Dossier des britischen Außenministeriums zum
Venlo-Zwischenfall1 mit der Archiv-Nr. FO 371/23107 wurde
auf Grundlage des Official Secrets Act2
ursprünglich bis 2015 gesperrt. Diese Sperre galt laut Bernd Martin3 im Jahr 1974
und laut Leo Kessler4 auch noch im Jahr 1991.
Bei einer Recherche im britischen Nationalarchiv in Kew im März 2009
stellte sich jedoch heraus, dass die Sperrzeit anscheinend auf Grund des im Jahr 2000 in Kraft getretenen
Freedom of Information Act5
rückwirkend auf 30 Jahre reduziert worden war. Die Geheimakte ist daher inzwischen zugänglich.
Das hier erstmals und vollständig publizierte Dossier zum Venlo-Zwischenfall umfasst 35 Seiten, die keine schlüssige Anordnung erkennen lassen:
Stellungnahme zur Verwicklung der Briten in das Bürgerbräuattentat (Variante von Seite 20-21)
Cadogan
Offensichtlich wurde die Akte im November 1939 von Sir Alexander Cadogan (*1884 1968),
Staatssekretär im Außenministerium,
zusammengestellt. Ein Grund scheint die Entgegnung der deutschen Propaganda, die den britischen Geheimdienst für das
Bürgerbräuattentat auf Adolf Hitler verantwortlich machte, gewesen zu sein. Vor diesem Hintergrund ist die Authenzität
und die Vollständigkeit der zwischen London, Den Haag und den Deutschen ausgetauschten Nachrichten auf den Seiten
7 bis 19 durchaus kritisch zu betrachten.
Als Wegweiser durch die Akte können
Seite 25,
Seite 26,
Seite 27 und
Seite 28
dienen, die den Titel "Zusammenfassung der Ereignisse" tragen und auf Grund
ihres letzten Satzes am 18. November 1939 verfasst worden sein muss.
Venlo Incident, National Archives FO 371/23107, Seite 25 (Ausschnitt)
Kontakt mit den "deutschen Generälen" (falls dies wirklich eine korrekte Bezeichnung ist) scheint
zuerst am 17. Oktober hergestellt worden zu sein von unserem Passport Control Officer in Den Haag.
Die Kommunikation erfolgte zuerst telefonisch mit Oberst Teichmann (der Repräsentant der Generäle Wiedersheim
und Rundstedt gewesen sein soll). Der Oberst sagte kurzgefasst, dass die Armee starkes Interesse am Frieden habe und sich gegen die
Gestapo schütze; dass sie Ribbentrops Politik missbillige; und dass nur ein kleiner Stoß erforderlich sei,
das Nazi-Regime zu stürzen.
Diese Information steht teilweise im Widerspruch mit anderen Quellen:
Der Kontakt zur Opposition in der Wehrmacht war bereits seit September 1939 vom britischen Geheimdienst gesucht
und geknüpft worden. Und dies garantiert nicht per Telefon.
Richtig ist vielmehr, dass Cadogan seinem
Tagebuch6
zufolge erst am 17. Oktober 1939 von Admiral Hugh Sinclair, dem "C" genannten Chef des
britischen Secret Intelligence Service (SIS) informiert wurde.
Keine andere Quelle erwähnt einen Oberst namens Teichmann.
Mit Wiedersheim muss General Gustav von Wietersheim
(*1884 1974), damals Kommandeur des XIV. Panzercorps in Polen gemeint sein.
Sinclair
Stevens
Mit Rundstedt ist General Gerd von Rundstedt (*1875 1953), damals Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd gemeint.
Der Passport Control Officer in Den Haag war
Major Richard Henry Stevens
(*1893 1967), der die als Passbüro getarnte Niederlassung
des SIS in den Niederlanden leitete.
2. Am folgenden Tag wurde dem Passport Control Officer von seinen Vorgesetzten mitgeteilt, dass er diesen Zwischenhändlern
sagen könne, dass eine neue Situation entstehen würde, wenn ihr Staatsstreich Erfolg hätte; dass die
Alliierten kein Verlangen hätten, einen rachsüchtigen Krieg zu führen; und dass die Niederwerfung des
Nazi-Regimes, echte Autonomie für die Tschechen und die Wiederherstellung Polens vermutlich die
minimalen Standpunkte der Regierung Seiner Majestät darstellten.
Dies waren keine Mindestforderungen, sondern entsprach in etwa den britischen Maximalforderungen. Wobei einer
Wiederherstellung Polens nicht nur der Sieg der Deutschen, sondern auch die Annektion der östlichen Hälfte Polens
durch Stalin entgegenstand.
3. Am 20. Oktober hörten wir, dass das Treffen auf den 21. Oktober verlegt worden war, weil Wiedersheim nach Berlin
einberufen worden war. Er hatte jedoch gefordert (anscheinend telefonisch) dass wir
nicht mit
Ribbentrop oder Göring verhandeln sollten, sondern nur mit ihm.
4. Am 23. Oktober wurden wir informiert, dass der General nicht persönlich zum Treffen gekommen war, sondern
Oberst von Seydlitz und Oberst Teichmann geschickt hatte. Letzterer sagte, dass unsere Standpunkte als Grundlage
für Verhandlungen mit Wiedersheim akzeptiert wurden, der "wahrscheinlich" am 24. Oktober herkommen
würde. Nachdruck wurde gelegt auf den Wunsch, Hitler als eine Galionsfigur beizubehalten und dass wir nicht mit
irgendjemand anders verhandeln sollten. Der Passport Control Officer gab dann die Mitteilung, auf die oben in (2)
Bezug genommen wurde, weiter. Eine lange und ergebnislose Diskussion folgte.
5. Diese Diskussion wurde sinngemäß an die Regierung Seiner Majestät weitergegeben, die die
Übermittlung einer weiteren Nachricht am 25. Oktober genehmigte. Der Text steht bei Kennzeichen A.
Payne Best
Tatsache ist, dass am 20. oder 21. Oktober ein Treffen der britischen Geheimdienstoffiziere Major Stevens und
Captain Sigismund Payne Best
(*1885 1978) mit 'Hauptmann von Seydlitz' und 'Leutnant Grosch' in Zutphen und Arnhem stattgefunden hat.
In der Akte finden sich keine mit Buchstaben gekennzeichneten Dokumente oder Register. Die mit Kennzeichen A
referenzierte Nachricht ist dennoch identifizierbar: Es ist das undatierte Telegramm von "C" an
seine Repräsentanten in Den Haag auf
Seite 17 und
Seite 18 der Akte.
Dies ergibt sich unzweideutig aus dem Bericht Cadogans auf
Seite 22, in dem
er als Antwort an die Deutschen nach diesem Treffen Teile dieses Telegramms zitiert.
Venlo Incident, National Archives FO 371/23107, Seite 17 (Ausschnitt)
Chamberlain
Am 23. Oktober vertraute Cadogan seinem Tagebuch
die Vermutung an, dass es sich bei den Deutschen um "Hitlers Agenten" handle. Am 24. Oktober führte
er laut seinem Tagebuch
mit Außenminister Lord Halifax und Premierminister Neville Chamberlain Gespräche bezüglich
einer Antwort an die Deutschen.
6. Am 27. Oktober erfuhren wir, dass General Wiedersheim endgültig am 28. Oktober mit "konkreten
Vorschlägen" herkommen würde und beabsichtigte, sich in Den Haag für 24 Stunden aufzuhalten.
Wiederum tat er das nicht; aber am 30. Oktober hörten wir, dass die deutsche "Delegation"
eine Erklärung abgegeben und "Details ihrer Seite in naher Zukunft" versprochen habe. Diese
Erklärung war wesentlich definitiver als die früheren Fühler. Es steht bei Kennzeichen B.
Beim Kommentieren dieser Erklärung sagte der Passport Control Officer, dass die "deutsche Delegation" aus einem
Oberst des Generalstabs (vermutlich Teichmann), "einem Offiziellen des ständigen Sekretariats des deutschen
Außenministeriums" und dem "Offizier, der uns zuvor besuchte" bestand. Sie wollten nicht
die Identität des Leiters ihrer Bewegung enthüllen, gaben aber zu, dass Wiedersheim und Rundstedt Mitglieder
waren und fügten hinzu "und viele mehr wie sie".
Weiterhin hatte der Passport Control Officer den Eindruck,
dass die Deutschen "erkannt zu haben schienen, dass ihr Spiel verloren war" und versuchten,
"Friedensverhandlungen mit einem minimalen Prestigeverlust aufzunehmen." Sofern die Alliierten
unter diesen Umständen einen Waffenstillstand gewährten, wäre die Wehrmacht nicht in der Lage, die Feindseligkeiten
wiederaufzunehmen und die Alliierten könnten dann die Bedingungen diktieren.
Es war dieses Treffen, bei dem der Passport Control Officer mit der Genehmigung seines Vorgesetzten den
Deutschen einen Sender und einen Chiffrierschlüssel aushändigte.
In der Tat fand am 30. Oktober in Den Haag ein Treffen von Stevens und Best mit 'Hauptmann Schemmel',
'Oberst Martini' und 'Leutnant Grosch' statt. Am nächsten Tag wurden die Deutschen zurück zur
Grenze nach Dinxperloo gebracht, nachdem ihnen ein Mark XV-Sender mit dem Codewort OM-4 übergeben worden war.
Die unter Kennzeichen B genannte Erklärung befindet sich in der Akte auf
Seite 10
und Seite 11.
Der Kommentar von Stevens befindet sich in der Akte auf
Seite 13
und Seite 14 ist.
Weiterhin beinhaltet
Seite 12
eine Vorabantwort von "C" nach Den Haag.
Venlo Incident, National Archives FO 371/23107, Seite 10 (Ausschnitt)
Cadogan schrieb am 1. November in sein Tagebuch,
dass dem Kabinett von dem "Kontakt mit den Generälen" berichtet wurde, dieses nicht begeistert war
und dass Premierminister Chamberlain vor dem Kabinett Angst bekam. Cadogan musste seine Antwort an die Deutschen
nochmals umformulieren.
8. Am 3. November funkten die Deutschen, nachdem sie keine Antwort erhalten hatten, an den
Passport Control Officer, dass sie "Zustimmung über die aufgestellten Punkte und die aus
London erhaltene Antwort erzielt" (siehe oben Absatz 5) hatten. Sie baten um Vorstellungen
der Regierung Seiner Majestät bezüglich akzeptabler Personen zur Führung von Verhandlungen.
Es handelte sich um zwei Funksprüche aus Deutschland, von denen der erste samt Antwort auf
Seite 16
und der zweite auf
Seite 15
wiedergegeben ist.
Cadogan schrieb am 3. November in sein Tagebuch,
dass es wegen Winston Churchill Schwierigkeiten mit einer raschen Antwort gab.
9. Die in Betracht gezogenen Vorstellungen der Regierung Seiner Majestät, die dem Kriegskabinett
zur Genehmigung vorgelegt worden waren, wurden übereinstimmungsgemäß am 6. November nach Den Haag geschickt.
Sie sind unter Kennzeichen C zu finden. Monsieur Corbin wurde am folgenden Tag über die groben
Züge dieser Kommunikation informiert.
10. Die Nachricht scheint sich überkreuzt zu haben mit einer aus Den Haag, die am 7. November abgeschickt wurde und
aussagte, dass ein "Staatsstreich definitiv versucht werde, vielleicht in einer Woche oder
zehn Tagen entsprechend den Umständen."
General Wiedersheim, fuhr sie fort, würde "vielleicht" unsere Vertreter am 8. November treffen,
um "sich persönlich eine Meinung von unserer ehrlichen Absicht zu machen und weitere Details mitzuteilen."
Die letzte Nachricht des Passport Control Officers kam am 9. November über das Telefon. Damals sagte er,
dass der "große Mann" nicht in der Lage gewesen war, am Vortag zu kommen, aber jetzt am Nachmittag erwartet
wurde.
Um 16 Uhr am 9. November (soweit wir wissen) wurden er und sein Begleiter in Venlo aus dem Hinterhalt überfallen.
Seitdem gibt es keine direkten Neuigkeiten von ihm. Die Bombenexplosion in München fand um 21:10 Uhr am 8. November statt.
Es ist richtig, dass am Abend des 8. November 1939 im Bürgerbräukeller in München ein
Bombenattentat auf Adolf Hitler7
verübt wurde, dem dieser nur knapp entging. Am Nachmittag des 9. November wurden Stevens, Best, ihr Chauffeur
und ein beim Überfall verletzter niederländischer Geheimdienstoffizier über die Grenze nach
Deutschland entführt, was als "Venlo-Zwischenfall" in die Geschichte einging. Beide Ereignisse
wurden von der deutschen Propaganda verknüpft und der SIS als Drahtzieher des Attentats auf Hitler hingestellt.
Übersicht der Standpunkte, Erklärungen und Forderungen
Wiederherstellung der Vertrauens, das durch das bestehende deutsche Regime zerstört wurde
Nur möglich durch Änderung sowohl des Regimes, als auch der dahinterstehenden Gesinnung
Keine Wiederholung der Ereignisse der letzten paar Jahre
Die neue Regierung muss Vertrauen einflößen
Forderung weiterer Details und Vorschläge über die Rückkehr zu friedlichen Beziehungen mit dem Ziel "totalen Friedens"
Die unter Kennzeichen C genannte Antwort vom 6. November, vielleicht das entscheidenste Dokument der gesamten Episode,
befindet sich nicht in der Akte. Die Briten nahmen später an (siehe unten Absatz 11), dass Major Stevens den Inhalt
dieser Antwort nicht mehr rechtzeitig vor seiner Entführung an die Deutschen weitergegeben hatte. Später
jedoch wurde der Inhalt den Deutschen nicht mehr im vollem Umfang mitgeteilt, sondern am 16. November lediglich
in verkürzter, ziemlich vager Form (siehe
Seite 7) übermittelt.
11. Es folgte eine Pause, die bis zum 13. November dauerte. Spät am Abend dieses Tages empfing der
Operator in Den Haag eine Nachricht der Generäle, die wie folgt lautete:
"Zwei unserer Agenten sind verschwunden, vermutlich verhaftet, die Arbeit wurde sehr schwierig.
Wann dürfen wir die Vorschläge erwarten, die Sie uns angekündigt haben? Was gibt es Neues bei Ihnen?"
Darauf antwortete Oberst Menzies (am 14. November um 10 Uhr): "Einer unserer Repräsentanten wurde
heimtückisch ermordet und der andere auf der holländischen Seite der Grenze am Donnerstagabend entführt.
Haben Sie irgendeine Erklärung? Was passierte mit Ihren Vertretern?"
Am Abend desselben Tages antworteten die Deutschen wie folgt: "Wir müssen die Möglichkeit der Verhaftung in
Betracht ziehen. Bisher wurden keine besonderen Maßnahmen beobachtet. Es scheint umso notwendiger, in
Verhandlungen zu treten, für die uns immer noch die Agenda fehlt, von der es hieß, dass sie geschickt werden
würde. Man hat nichts gehört bis auf die Entführung, die von da bekannt gegeben wurde.
Wir erbitten weitere Instruktionen ohne Verzögerung. Es kann sein, dass wir zu einer Übereinstimmung kommen."
Da es offensichtlich erschien, dass sie unsere Nachricht vom 6. November (siehe Absatz 9) nicht erhalten hatten,
wurde eine verdichtete Version davon am 16. November über Funk versandt und am 17. November vertraute
der Premierminister alle relevanten Fakten Monsieur Daladier an.
12. Am Abend des 17. November wurde eine letzte Nachricht von den Deutschen empfangen (siehe Kennzeichen D). Die von
uns vorgeschlagene Antwort musste heute morgen dem Kabinett zu Genehmigung übergeben werden.
Menzies
Stewart Menzies
(*1890 1968), der jetzt mit den Deutschen kommunizierte, hatte die Operation von London aus geleitet und war
inzwischen als Nachfolger des am 4.11.1939 verstorbenen Hugh Sinclair
der neue Leiter des SIS ("C").
Die verdichtete Version der Nachricht vom 16. November an die Deutschen ist auf Seite 7
wiedergegeben. Seltsamerweise gibt es auf
Seite 19
eine noch kürzere Variante dieser Nachricht. Die Antwort unter Kennzeichen D aus Deutschland vom 17. November steht auf
Seite 8.
Aus einer undatierten späteren Nachricht an die Deutschen auf
Seite 9
geht wegen der Fragen im letzten Absatz hervor, dass am 16. November die Variante auf Seite 7 verschickt wurde.
In einem von Cadogan unterzeichneten Bericht vom 16. November auf
Seite 22,
Seite 23 und
Seite 24 fasste er die
eigenen Positionen und die der "Generäle" zusammen. Er tappte völlig im Dunkeln, ob nur die eigenen
Agenten oder auch ihre deutschen Kontaktleute gekidnappt oder getötet wurden. Die gleichen Deutschen hätten
sich allerdings wieder über einen anderen Kanal gemeldet.
Cadogan schrieb am 18. November in sein Tagebuch,
dass er die seiner Auffassung nach relativ wertlose Antwort "der Generäle" vor dem Lunch an Premierminister
Chamberlain übergab. Dieser erstellte den Entwurf für eine Antwort.
Am 22. November erfuhr Cadogan, dass die Geschichte zu Ende war:
"Gegen 7 Uhr erhielt ich ein Funktelegramm aus Berlin, dass die Gestapo unsere Kommunikation mit den
'Generälen' übernommen hatte (wenn sie es nicht schon die ganze Zeit getan hatte!). So, das ist vorbei."
Vermutungen und Optionen der Briten
Am 21. November gab es eine erste
deutsche Presseerklärung8
über die Verhaftung zweier britischer Agenten am 9. November, die zuvor in den Niederlanden mit vermeintlichen Hitlergegnern
verhandelt und diese mit einem Geheimsender ausgestattet hatten. Dies wurde in unmittelbaren Zusammenhang mit sensationellen
Neuigkeiten über den als Bürgerbräuattentäter überführten Georg Elser gebracht.
In einem am 22. November (nach der "deutschen Presseerklärung von gestern Abend") erstellten Papier auf
Seite 29,
Seite 30 und
Seite 31 werden Optionen
dargestellt, wie man auf die deutsche Unterstellung, der britische Geheimdienst sei Drahtzieher des Attentats
auf Hitler gewesen, reagieren könne. Die Rolle der Gestapo sei unklar. Es sei möglich, aber unwahrscheinlich,
dass die Gestapo von Anfang an hinter den "Generälen" gestanden war: "Unsere Repräsentanten vor Ort,
die lange Besprechungen mit diesen Deutschen hatten, waren überzeugt, dass sie echt waren, und unsere Repräsentanten
waren Männer mit großer Erfahrung und profundem Wissen über Deutschland und die Deutschen. Der Leiter
des SIS dachte auch, dass sie echt sind."
Es habe sich nicht ursprünglich und insgesamt um den Teil
eines von Himmler organisierten Anschlags gehandelt. "Wenn wir andererseits annehmen, das es echt war - und vielleicht
ist - dann ist es klar, dass die Gestapo Wind davon gekommen hat, bevor sie den Vorfall vom 9. November plante; und es
ist ebenfalls klar, dass sie seitdem in der Lage war, mit Folter alles herauszuholen, was der eine oder unsere beiden
Repräsentanten wissen. Sie waren vielleicht auch in der Lage, Geständnisse der Repräsentanten der deutschen Generäle
zu erlangen. Daher ist es legitim, alle Nachrichten der 'Generäle' nach dem 9. November als möglichen
Schwindel zu betrachten."
Das Papier stellt dann die beiden Optionen dar:
Entweder die deutschen Anschuldigungen zu ignorieren und
abzustreiten, irgendwelche Kontakte mit deutschen Dissidenten gehabt zu haben.
Oder eine Stellungnahme über die
Angelegenheit, die schließlich nichts diskreditierendes an sich habe, abzugeben.
Gegen das Abstreiten spreche, dass man
bereits die Franzosen über die Kontakte informiert habe, auch wenn man ihnen gegenüber keinen Sender
erwähnt habe. Weiterhin würde wegen Indiskretionen der Ehefrauen der beiden Agenten eine große Zahl Privatpersonen
von den Verhandlungen und dem Sender wissen. Ebenso habe die niederländische Regierung
schon lange alles über die Aktivitäten gewusst. Weiterhin habe man der Presse verboten, den Vorfall in
Venlo in irgendeiner Weise zu erwähnen.
Andererseits sei vorstellbar, dass die Gestapo auf das Eingeständnis, die Engländer seien mit den vermeintlichen
Dissidenten in Kontakt gewesen, warte, um dann behaupten zu können: "Das beweist, dass Großbritannien die Bombe
gelegt hat." Dies sei dann aber wenig überzeugend, da die Deutschen ja selbst nachgewiesen hatten, der Anschlag
sei Monate voraus in der Schweiz geplant gewesen.
Der Autor, offensichtlich Cadogan selbst, empfiehlt letztlich als eine "Wahl zwischen zwei Übeln", eine
Stellungnahme darüber abzugeben, was wirklich passiert war.
Stellungnahmen der Briten
In einer Stellungnahme auf
Seite 20 und
Seite 21 wird erklärt,
dass man mit dem, "was eine Opposition in einem totalitären Staat zu sein schien" in Kontakt war, ohne deshalb
aber auch für das Bürgerbräuattentat verantwortlich zu sein.
Es sei einleuchtend, dass falls der Passport Control Officer tatsächlich irgendeine Rolle bei der versuchten
Ermordung Hitlers gespielt hätte, dies nur mit Duldung der Gestapo möglich gewesen wäre. Tatsächlich gebe es aber
nicht den geringsten Beweis, der Stevens mit dem Vorfall in München verbinde. Dass es auch keinen geben kann,
wird dann mit einem Bericht über die Kontakte mit den vermeintlichen Hitlergegnern begründet. Das Attentat sei
offensichtlich von Deutschen organisiert worden, die möglicherweise sogar der Organisation von Heinrich
Himmler angehören. Die Regierung Seiner Majestät habe den Vorfall bewusst
nicht bekannt gemacht, damit die Gestapo kein Kapital aus der Affäre schlagen könne.
In einer weiteren, sehr ähnlichen Stellungnahme auf
Seite 32,
Seite 33,
Seite 34 und
Seite 35 wird erklärt,
dass die Dissidenten sich als Gegner des Nazi-Regimes ausgegeben hatten, aber in Wirklichkeit
Mitglieder der Gestapo waren. Das "in Wirklichkeit" wurde handschriftlich mit "as they allege"
ersetzt, also "wie sie behaupten". Dies zeigt die Ratlosigkeit, die zu diesem Zeitpunkt bei den
Engländern herrschte. Der Kontakt sei richtig gewesen, weil der Regierung bekannt gewesen war, dass es in deutschen
Militär- und
Polizeikreisen eine weitverbreitete Unzufriedenheit gab. Als Grund für die bisherige Verheimlichung der Affäre
wird u. A. die Vermeidung von Peinlichkeiten für die niederländische Regierung angegeben.
Am 23. November informierte Cadogan den französischen Botschafter André Charles Corbin darüber, dass es keine
Verbindung zwischen dem Bombenanschlag in München und dem Venlo-Zwischenfall gebe. Seine Gesprächsnotiz
steht in der Akte auf
Seite 2
und Seite 3.
Am 1. Dezember informierte er den britischen Botschafter in Paris, Sir Ronald H. Campbell KCMG
(Träger des Ordens "Knight Commander of St Michael and St George"), über das Gespräch mit Corbin;
der Brief steht auf
Seite 4,
Seite 5 und
Seite 6 der Akte.
Zu diesem Zeitpunkt herrschte
immer noch Unsicherheit darüber, ob die deutschen Kontaktleute von vornherein Agenten gewesen waren oder als
authentische Hitlergegner erst aufflogen, nachdem ihre Aktivitäten von der Gestapo entdeckt worden waren.
Offensichtlich war man in England der Auffassung, dass die ausführlichen und auch weitgehend zutreffenden
deutschen Presseberichte
eine Fehlinformation darstellten: Die Regierung Seiner Majestät konnte oder wollte nicht glauben, dass der
legendäre Secret Service, das Außenministerium und der Premierminister von Anfang an Agenten des
deutschen Geheimdienstes auf den Leim gegangen waren.
Nachspiel
Nach dem Krieg verhörte der britische Geheimdienst im Sommer 1945 in der Nähe von London den
inhaftierten SS-Brigadeführer und Generalmajor
Walter Schellenberg9
(*1910 1952), zuletzt
Chef des Sicherheitsdienst (SD) Ausland und der Militärischen Abwehr im Dritten Reich.
Schellenberg
Schellenberg hatte im Herbst 1939 als
damals 29-jähriger SS-Sturmbannführer die Operation von Düsseldorf aus geleitet: Nachdem er durch einen Doppelagenten von der Kontaktsuche
des SIS zur Opposition in der Wehrmacht erfahren hatte, gaukelte er zunächst die deutschen "Friedensfühler" vor.
Als er schließlich Major Stevens und Captain Payne Best auf Befehl von Heinrich Himmler ins Gestapohauptquartier nach Berlin
entführte, machte er das britische Spionagenetz in Westeuropa von einem Tag auf den anderen wertlos.
Nachdem die britische Regierung nunmehr die volle Wahrheit kannte, hatte sie anscheinend nur noch einen Wunsch:
Kein Mensch sollte - solange wie auch nur irgend möglich - das hier veröffentlichte Dossier zu Gesicht bekommen.