Den Todesstahl in die Brust des verhassten Einzigen zu stoßen
In "Mein Kampf" lobte Adolf Hitler den Dichter des "Tell" noch als "größten
Freiheitssänger unseres Volkes". 1941 ließ der Diktator Friedrich Schillers Drama verbieten.
Ist Georg Elser ein moderner Wilhelm Tell?
VON PETER KOBLANK
Nach dem gescheiterten Münchener Putsch schrieb Adolf Hitler während seiner Haft in Landsberg 1924 den ersten
Band seines Bestsellers "Mein Kampf". 1926 erschien der zweite Band, den Hitler nach seiner
Entlassung verfasst hatte.
In diesem zweiten Band ging Hitler im 9. Kapitel "Grundgedanken über Sinn und Organisation der SA"
auf die Frage des Tyrannenmordes ein. Er setzte sich mit der Meinung auseinander,
es könnte das Schicksal eines Volkes wirklich durch eine einzelne Mordtat plötzlich im günstigen Sinne entschieden werden.
Solch eine Meinung kann ihre geschichtliche Berechtigung haben, nämlich dann, wenn ein Volk
unter der Tyrannei irgendeines genialen Unterdrückers schmachtet, von dem man weiß, dass nur
seine überragende Persönlichkeit allein die innere Festigkeit und Furchtbarkeit des feindlichen Druckes gewährleistet.
In solch einem Fall mag aus einem Volk ein opferwilliger Mann plötzlich hervorspringen, um
den Todesstahl in die Brust des verhassten Einzigen zu stoßen.
Und nur das republikanische Gemüt schuldbewusster kleiner Lumpen wird eine solche Tat als das
Verabscheuungswürdigste ansehen, während der größte Freiheitssänger unseres Volkes sich unterstanden
hat, in seinem "Tell" eine Verherrlichung solchen Handelns zu geben.
Dies ist unter Berufung auf den "größten Freiheitssänger unseres Volkes", Friedrich Schiller,
ein unmissverständliches Votum pro Tyrannenmord.
Wilhelm-Tell-Denkmal in Altdorf (Schweiz) von 1895
Wilhelm Tell
Wilhelm Tell war der Sage zufolge ein schweizerischer Freiheitskämpfer und Tyrannenmörder, der Anfang des 14. Jahrhunderts in der Schweiz gelebt haben soll. Tell soll 1307 in der Hohlen Gasse bei Küssnacht am Rigi den hohen habsburgischen Staatsbeamten Hermann Gessler, Reichsvogt in Schwyz und Uri, mit einem Pfeil aus seiner Armbrust erschossen haben.
Friedrich Schiller verfasste 1804 das berühmte gleichnamige Bühnenwerk, sein letztes fertiggestelltes Drama. Tell verkörpert Schillers Ideal des freien Menschen, der sich von keinem anderen menschlichen Wesen unterjochen lässt.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist Tell der Nationalheld der Schweiz.
Rolf Hochhuth: Ein Tell totalitärer Zeiten
Der Schriftsteller Rolf Hochhuth war der erste, der einen Bezug zwischen Georg Elser, der
1939 das gescheiterte Bürgerbräuattentat auf Hitler verübte, und Wilhelm Tell herstellte.
In seinem 1987 veröffentlichten Gedicht "Johann Georg Elser"
führt er in der dritten Strophe aus, dass Elser ein noch einsamerer Attentäter war,
als der Wilhelm Tell der Schweizer Sage:
Friede oder - Hitler! Ein Tell totalitärer Zeiten,
so viel vereinsamter als der des Mythos,
wie Hitlers Volk den Zwingherrn liebt,
der in Europa fünfzigmal mehr Menschen,
als vor dem Krieg in München leben,
in Gräber wirft, auf Aschehalden,
dreihunderttausend vor die Fische...
Erhard Jöst: Der deutsche Wilhelm Tell
Noch gründlicher lotete der Autor Erhard Jöst die Parallelen zwischen Elser und Tell bei einer Gedenkfeier zum 63.
Todestag Elsers aus:
"Der Starke ist am mächtigsten allein." Jeder kennt diesen Ausspruch, den Friedrich
Schiller dem Wilhelm Tell in den Mund legt. Gewiss: Eine äußerst problematische
und umstrittene Aussage, eine fragwürdige und gefährliche Einstellung. Viele haben
sie zu Unrecht für sich in Anspruch genommen, nicht aber Johann Georg Elser, ...
Elser war ein Einzeltäter ähnlich wie Schillers Tell. Dieser antwortet auf Stauffachers Aussage, "Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden", mit: "Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst." Der enttäuschte Stauffacher hakt nach: "So kann das Vaterland auf Euch
nicht zählen, wenn es verzweiflungsvoll zur Notwehr greift?" Und Tell, ihm die
Hand gebend, erläutert seine Haltung:
"Der Tell holt ein verlornes Lamm vom Abgrund,
Und sollte seinen Freunden sich entziehen?
Doch was ihr tut, lasst mich aus eurem Rat,
Ich kann nicht lange prüfen oder wählen;
Bedürft ihr meiner zu bestimmter Tat,
Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen."
Wilhelm Tell beteiligt sich nicht am Rütli-Schwur, er tötet den Landvogt Gessler ohne
Absprache als Einzeltäter und avanciert dadurch zum allseits anerkannten Retter des
Landes. Auch Johann Georg Elser beteiligte sich an keiner Verschwörung, sondern
bastelte allein und ohne Absprache die Bombe, mit der er Deutschland von dem
Diktator befreien wollte. ...
In Schillers Schauspiel "Wilhelm Tell" hält Stauffacher eine bewegende Rede, auf die
sich auch Elser hätte berufen können:
"Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last - greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen unveräußerlich
Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst -
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht -
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben -
Der Güter höchstes dürfen wir verteid'gen
Gegen Gewalt - Wir stehn vor unser Land,
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!"
Lässt man das Pathos weg, dann lautet die Quintessenz der Verse: Wenn ein Tyrann
die Menschenrechte außer Kraft setzt, dann ist Widerstand gegen ihn erlaubt, ja sogar
geboten. Diese Auffassung hat sicherlich auch Elser vertreten. ...
Dennoch bleibt es ein moralisches Problem, wenn ein Mordanschlag
ohne die rechtfertigende Einbindung in eine Gruppe durchgeführt und der Tod von
Unbeteiligten in Kauf genommen wird. Auch Friedrich Schiller war sich der Brisanz
durchaus bewusst, die sein Schauspiel "Wilhelm Tell" enthielt, indem es den
politischen Mord feiert.
Er hat dem Attentäter Tell klare Aussagen in den Mund gelegt, um von vorne herein Missverständnissen und Fehlinterpretationen entgegenzutreten. Bevor Wilhelm Tell den Landvogt Gessler ermordet, legt er Rechenschaft ab. Zwar lauert er auf "des Feindes Leben", aber nur, um die "holde Unschuld" der "lieben Kinder" zu verteidigen, um sie zu schützen vor der Rache des Tyrannen."
Und um auszuschließen, dass sich jeder beliebige Attentäter auf Tell als
Vorbild berufen kann, führt Schiller eine Begegnung zwischen seinem Titelhelden und
Johannes Parricida herbei, der den Kaiser, seinen Onkel, ermordet hat, weil dieser ihm
sein Erbe verweigerte. Dem Kaisermörder, der sich mit ihm auf eine Stufe stellen möchte, hält Tell entgegen:
"Unglücklicher!
Darfst du der Ehrsucht blut'ge Schuld vermengen
Mit der gerechten Notwehr eines Vaters?
Hast du der Kinder liebes Haupt verteidigt?
Des Herdes Heiligtum beschützt? Das Schrecklichste,
Das Letzte von den Deinen abgewehrt?
- Zum Himmel heb' ich meine reinen Hände,
Verfluche dich und deine Tat - Gerächt
Hab' ich die heilige Natur, die du
Geschändet - Nichts teil' ich mit dir - Gemordet
Hast du, ich hab' mein Teuerstes verteidigt."
1941 ließ Hitler den "Tell" verbieten
Im Dritten Reich stand der "Tell" in hohem Ansehen, wurde verfilmt und war das meistgespielte
Bühnenstück Schillers. Am 20. April 1938 wurde es im Wiener Burgtheater als "Festvorstellung zum Geburtstag
des Führers" mit großem Pomp und Aufgebot gegeben.
Spätestens 1941 realisierte Hitler jedoch, dass seine Person durchaus auch mit dem Landvogt Gessler gleichzusetzen war.
Dabei wird weniger das Bürgerbräuattentat eine Rolle gespielt haben: Elser galt damals als gedungener Auftragskiller,
dessen Hintermänner eines Tages schon noch ans Licht kommen würden. Eher dürfte der junge Schweizer
Maurice Bavaud
einen Ausschlag gegeben haben, der im Alter von 22 Jahren vergeblich versucht hatte, Hitler im November 1938 mit
einer Pistole zu erschießen. Wenige Tage nach dessen Hinrichtung am 14. Mai 1941 veranlasste Hitler folgende Anordnung:
Reichsleiter Martin Bormann
Führerhauptquartier - 3. Juni 1941
An Herrn Reichsminister Dr. Lammers
Berchtesgarden, Reichskanzlei
Streng vertraulich!
Sehr geehrter Herr Dr. Lammers!
Der Führer wünscht, dass Schillers Schauspiel "Wilhelm Tell" nicht mehr behandelt wird.
Ich bitte Sie, hiervon vertraulich Herrn Reichsminister Rust und Herrn Reichsminister Dr. Goebbels zu verständigen.
Heil Hitler! Ihr Martin Bormann
Damit hörte dieses ursprünglich von der Nationalsozialisten hochgeschätzte
"National- oder Führerdrama" auf, für die deutsche Öffentlichkeit zu existieren.
Auf Veranlassung des Propagandaministers Joseph Goebbels verschwand noch im selben Jahr der
"Tell" von den Bühnen. Bernhard Rust, Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, verbannte das Stück aus dem Schulunterricht. Keine Bibliothek durfte das Werk fortan ausleihen, keine Textstelle durfte mehr in den neuen Lesebüchern abgedruckt werden.
Ausgerechnet Schiller musste diesen Schweizer Heckenschützen verherrlichen,
beklagte sich Adolf Hitler am 4. Februar 1942 bei einem von Henry Picker überlieferten Tischgespräch über
den Dichter, den er sechzehn Jahre zuvor als den größten Freiheitssänger unseres Volkes bezeichnet hatte.
Quellenangaben
Adolf Hitler: Mein Kampf, Zweiter Band, München 1926
Rolf Hochhuth: Johann Georg Elser,
in: War hier Europa? Reden,Gedichte, Essays, München 1987