Das Attentat im Bürgerbräukeller aufgeklärt

Hitler opferte "alte Kämpfer" zur Stimmungsmache

Von Ernst Günther


8. November 1939! Kurz nach der Rede Hitlers im Bürgerbräukeller in München erfolgte eine Explosion. Von den noch im Saal anwesenden "Alten Kämpfern" wurden sechs getötet und über 60 schwer verletzt. Staatsgeschäfte, so berichtete das Deutsche Nachrichten-Büro, zwangen den Führer, noch in der Nacht nach Berlin zurückzukehren. Deshalb verließ er früher, als ursprünglich vorgesehen, den Bürgerbräukeller und begab sich zum Bahnhof in den dort bereitstellenden Zug.

In den folgenden Tagen beherrschte das "missglückte Attentat" in Schlagzeilen die Presse. "Durch die Vorsehung ist uns der Führer gerettet worden." Wer sind die Mörder? Die Antwort fand sich leicht: Agenten des englischen Secret Service; hinter ihnen die britischen Kriegshetzer und als Ohrenbläser Juda!

14 Tage später gab Himmler bekannt: Der Attentäter Georg Elser an der Schweizer Grenze verhaftet. Der Täter ist geständig. Und dann? Ein Schweigen für immer!

Im März 1945 war es Dr. Rohde, der damals Insasse des Lagers Dachau war, durch Bestechung eines Posten gelungen, mit Elser, den man sofort nach seiner Verhaftung hierher gebracht hatte, kurze Zeit zu sprechen. Ein Mitarbeiter der "Süddeutschen Zeitung" hatte Gelegenheit, nähere Einzelheiten über die Begegnung Dr. Rohdes mit Elser zu erhalten. Elser war stets in einer Einzelzelle untergebracht und vertrieb sich den Tag mit Schreinerarbeiten auf einer Hobelbank, die man ihm in seinen engen Raum gestellt hatte. Oft spielte er auf seiner selbstgefertigten Zither. Die Posten nannten ihn den persönlichen Gefangenen des Führers.

Elser erzählte dem Leidensgenossen sein Schicksal. Kunstschreiner war er von Beruf und in der Pfalz beheimatet. Er hatte eine führende Stellung in der SA. Eines Tages trat die SS an ihn heran, er sollte im Auftrag des Führers eine große Tat für Deutschland durchführen. Ein Attentat auf Hitler sollte inszeniert werden, um im deutschen Volk eine Kriegsstimmung gegen England hervorzurufen. Als Täter müssten Agenten des Secret Service bezeichnet werden. Eine freie Ausreise nach der Schweiz wurde ihm nach gelungener Tat zugesichert.

Elser machte sich ans Werk und baute am 7. und 8. November mit Unterstützung von SS-Leuten eine Zeitbombe In den Bürgerbräukeller und stellte den Zeitzünder auf eine ihm angegebene Zeit ein. Noch vor der Explosion flüchtete Elser aus München in Richtung Schweizer Grenze, wo er beim Übertritt von der Gestapo verhaftet wurde. Man erklärte ihm, er habe auszusagen, dass er in enger Fühlung mit den beiden Leuten des Secret Service Steven und Best gestanden habe, die bereits seit 1939 in Dachau eingesperrt waren.

24 Stunden nach dieser kurzen Unterredung im März 1945 wurde Elser erschossen, oder, wie man im KZ. zu sagen pflegte, "durch den Schornstein entlassen". Alliierte fanden später bei einem SS-Mann das Aktenstück, das den Befehl zur sofortigen Liquidierung EIsers enthielt.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 22.2.1946 - www.sueddeutsche.de


Dieser Pressebericht erschien als Hauptartikel zusammen mit dem weiteren Bericht Die Höllenmaschine wurde in München gebaut auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung.

Dr. Lothar Rohde war nach dem Krieg Leiter des Münchener Exportclubs und wird auch von Franz Lechner erwähnt.

Dieser Bericht steht im eklatanten Widerspruch zu den heutigen Erkenntnissen der Georg-Elser-Forschung.

Zu Rohdes Darstellung ergänzt der Historiker Anton Hoch:

In seiner Aussage gegenüber dem Untersuchungsrichter des Landgerichts München II vom 1.9.1951 spricht R. allerdings nicht von einer führenden Stellung Elsers in der SA; er sagt lediglich, dass E. "das Attentat auf Anstiftung von Funktionären der SA begangen habe" (IfZ, ZS/A-17, Nr. 47).

Quelle: Anton Hoch, Das Attentat auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller, in Anton Hoch/Lothar Gruchmann, Georg Elser: Der Attentäter aus dem Volke. Der Anschlag auf Hitler im Münchener Bürgerbräu 1939, Frankfurt a.M. 1980, S. 10 Fußnote 6 (1. Fassung in Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Jg. 17, 1969)

Anton Hoch: Wurde Georg Elser von Himmler für die SS angeworben?