Heidenheimer Zeitung 31.1.2011
Heidenheimer Zeitung 31.1.2011

PDF Die braune Spur in der Nachkriegsjustiz


10 000 Tote – drei Verurteilte

Symposium in Königsbronn behandelt das Thema "Die braune Spur in der Nachkriegsjustiz"

Mehr als einhundert Gäste und Referenten aus nah und fern haben sich am vergangenen Samstag in der Königsbronner Hammerschmiede zum Symposium unter dem Titel "Die braune Spur in der Nachkriegsjustiz" getroffen.


Das Thema sei "keine Sternstunde der deutschen Geschichte", sagte zu Beginn Dr. Alfred Geisel, Sprecher der baden-württembergischen Regionalgruppe des Vereins "Gegen Vergessen – Für Demokratie", die das Seminar gemeinsam mit der Königsbronner Georg-Elser-Gedenkstätte und der Landeszentrale für politische Bildung organisiert hatte. Bis heute sei es "viele unbegreiflich, dass nahezu nichts geschah, um die Untaten zu sühnen." Längst sei nachgewiesen, dass die Nachkriegsjustiz von Männern durchsetzt gewesen sei, an deren Händen Blut klebte.

"Nur die ehrliche Aufarbeitung der dunkelsten Kapitel schafft die Voraussetzung, dass sie sich nie mehr wiederholen mögen", so Geisel.

Noch vor dem Zweiten Weltkrieg seien die Richter überwiegend keine Nazis gewesen, sagte der frühere Stuttgarter Verwaltungsrichter Fritz Endemann in seinem Vortrag. An der "Umwertung" vieler Gesetze im Sinne der Nazis und Schlimmerem beteiligten sie sich schließlich dennoch.

Dr. Franz Josef Merkl klärte in seinem Referat über den SS-General Max Simon auf, dessen Taten in den 1950er Jahren zu den "Brettheim-Prozessen" geführt hatten – und die dreimal in Folge mit Freisprüchen endeten. Merkl sprach in diesem Zusammenhang von einer "gründlich renazifizierten Justiz".

"Mehr als 10 000 Toten stehen drei Verurteilte gegenüber, die nur kurz ins Gefängnis mussten", sagte Professor Jörg Kinzig über die "Grafeneck-Prozesse", in denen es um die Morde im Zuge der so genannten "Rassenhygiene" ging. Unter anderem sei den angeklagten Medizinern zugute gehalten worden, dass sie bei einer Verweigerung lediglich gefügigeren Ärzten Platz gemacht hätten.

"Unsere Professoren hatten kurz zuvor noch Nazirecht gelehrt", führte der frühere Ulmer Richter Klaus Beer aus, der als Referendar ab 1958 die so genannten Einsatzgruppenprozesse miterlebt hatte. Erst im Rückblick sei ihm aufgefallen, dass die Biografien der älteren Richter unbekannt blieben. jeb

Schwäbische Post 23.03.2011

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