Die Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge in Südtirol
Dramatische Odyssee vom KZ Dachau in die Dolomiten
Mehr als 130 prominente Gefangene, unter ihnen Martin Niemöller, die Familie
Stauffenberg, Hjalmar Schacht und viele andere bekannte Namen, wurden zum Kriegsende
von der SS in die "Alpenfestung" transportiert, wo sie in Niederberg um Haaresbreite
dem Tod entgingen. Dort wurde auch der "Schnellbefehl" zur Liquidierung
Elsers entdeckt, der wenige Tage zuvor in Dachau erschossen worden war.
VON PETER KOBLANK
Am 24. April 1945 wurden, nachdem die amerikanischen Truppen immer näher rückten, über
hundertdreißig Sonder- und Sippenhäftlinge aus dem KZ Dachau evakuiert.
In Begleitung von einigen Dutzend SS- und SD-Bewachern unter Leitung von SS-Obersturmführer Edgar Stiller und SS-Untersturmführer Bader, die den Auftrag hatten, die Gefangenen
im Zweifelsfall zu liquidieren, brachen sie mit Bussen und Lastwagen zu einer dramatischen Odyssee in die Dolomiten auf.
Über Innsbruck und Brenner kamen sie nach Südtirol. Am Morgen des 28. April 1945
trafen sie schließlich in Niederdorf (ital.: Villabassa) im Pustertal ein und wurden
dort bis auf Weiteres untergebracht. Die Bevölkerung kam ihnen mit Sympathie und Hilfe entgegen.
Ein Häftlingskomitee, das von Captain Sigismund Payne Best
und Bogislav von Bonin, vormals Oberst im Generalstab, geleitet wurde, brachte die SS-Bewacher am 30. April 1945
mit Unterstützung von Wehrmachtsangehörigen dazu, aufzugeben.
Am selben Tag wurden die prominenten Gefangenen in das Hotel "Pragser Wildsee" am gleichnamigen See
(ital.: Lago di Braies) südlich von Niederdorf gebracht. Am 4. Mai 1945 wurden sie dort von den
amerikanischen Truppen endgültig befreit.
Diese historischen Ereignisse wurden zu ihrem 60. Jahrestag von Hans-Günter Richardi
1 gründlich aufgearbeitet. Eine ausführlicher
Artikel
von Susanne Gurschler 2 erschien in einer Tiroler Zeitung.
Im Rahmen der dramatischen Ereignisse in Niederdorf wurde eines der wichtigsten Dokumente der
Georg-Elser-Forschung entdeckt: Der
Schnellbrief,
in dem die heimliche Liquidierung Georg Elsers befohlen wurde. 3
Im Hotel "Bachmann" in Niederdorf erklärte sich SS-Obersturmführer Edgar Stiller bei einer Versammlung
der Häftlinge bereit, das Kommando für den Transport niederzulegen und an die bereits alarmierte Wehrmacht abzugeben.
Bild: Archiv Hermann Oberhofer (Prags)
Hauptmann Wichard von Alvensleben (*1902, 1982) setzte sich
entscheidend für die Befreiung der Häftlinge
ein. Mit seinen Soldaten umstellte er die SS-Bewacher
und zwang sie am 30. April 1945 schließlich zum Abzug.
Wichard von Alvensleben war Rechtsritter des Johanniterordens und ein tiefgläubiger Christ.
Den 2. Weltkrieg machte er als Offizier vom ersten bis zum letzten Tag mit: In Polen, Frankreich,
Russland, Afrika und zum Schluss in Italien. In Russland wurde er 1941 schwer verwundet und erhielt
das Verwundetenabzeichen, das Infanterie-Sturmabzeichen und das Eiserne Kreuz 1. Klasse.
Seine Frau Cora erschoss sich beim Eindringen der Russen am 29. Januar 1945 in Tankow. Das Schloss
wurde geplündert und niedergebrannt, der Besitz enteignet, das Land fiel an Polen. Im Herbst 1945
wurde von Alvensleben aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen.
Bild: Hans-Günter Richardi aus privatem Besitz
Im Gemeindeamt von Niederdorf verbrannte SS-Obersturmführer Edgar Stiller
Geheimakten, die er aus Dachau mit sich geführt hat. Nur wenige Dokumente,
darunter ein Schnellbrief vom 5. April 1945 aus Berlin, in dem u.a. die Ermordung Georg Elsers befohlen worden war,
entgingen der Vernichtung.
Bild: Archiv Hermann Oberhofer (Prags)
Hotel "Pragser Wildsee" gemalt von R. A. Höger. Hier wurden die Häftlinge am 4. Mai 1945 von amerikanischen
Truppen endgültig befreit.
Bild: Familie Heiss
Karten befreiter Häftlinge mit Unterschrift und Zimmernummer im Hotel "Pragser Wildsee". Sie werden
heute noch im Hotel aufbewahrt. Zweite Reihe links:
Sigismund Payne Best
Bild: Familie Heiss
Die befreiten Häftlinge stellen sich vor dem Hotel "Pragser Wildsee" den Fotografen der Weltpresse.
Oberes Bild, 7. von links (mit Pfeife) und unteres Bild, rechter Kreis: Pastor Martin Niemöller.
Unteres Bild, linker Kreis: Sigismund Payne Best.
Bilder: Hans-Günter Richardi aus privatem Besitz
Verzeichnis der Sonder- und Sippenhäftlinge im Transport nach Südtirol4
1. Die Sonderhäftlinge aus siebzehn Nationen
Dänemark
Hans Frederik Hansen, Marineingenieur.
Adolf T. Larsen, Farmer.
Hans Lunding, königlich dänischer Rittmeister, Chef des dänischen Nachrichtendienstes.
Max J. Mikkelsen, Kapitän der Handelsmarine.
Jörgen Lönborg Friis Mogensen, Vizekonsul.
Knud E. Pedersen, Kapitän der Handelsmarine.
Deutschland
Bogislav von Bonin, Oberst im Generalstab, bis 1945 Chef der Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres (OKH).
Baron Fritz Cerrini, Privatsekretär des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen.
Dr. Friedrich Engelke, Großkaufmann.
Alexander von Falkenhausen, General der Infanterie, bis 1944 Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich.
Dr. Wilhelm von Flügge, Direktor im Unternehmen "I. G. Farbenindustrie A.-G." (Berlin).
Friedrich Leopold Prinz von Preußen, Gutsbesitzer.
Franz Halder, Generaloberst, bis 1942 Chef des Generalstabes des Heeres.
Gertrud Halder geb. Erl, Ehefrau von Franz Halder.
Dr. Anton Hamm, Kaplan.
Dr. Erich Heberlein, Gesandter.
Margot Heberlein geb. Calieja, Ehefrau von Dr. Erich Heberlein.
Dr. Horst Hoepner, Kaufmann, Bruder des Generalobersten Erich Hoepner, der an der Verschwörung gegen Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt war.
Joseph Joos, Redakteur und ehemaliges Mitglied des Deutschen Reichstages (Zentrumsabgeordneter).
Karl Kunkel, Kaplan.
Franz Liedig, Fregattenkapitän (Amt Ausland/Abwehr).
Dr. Josef Müller, Oberleutnant der Reserve (Amt Ausland/Abwehr), Rechtsanwalt.
Horst von Petersdorff, Oberst z. V., Industriekaufmann.
Philipp Prinz von Hessen, Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, Botschafter.
Dr. Hermann Pünder, Major der Reserve, Staatssekretär a. D.
Dr. Hjalmar Schacht, bis 1937 Reichswirtschaftsminister, bis 1939 Reichsbankpräsident und bis 1943 Reichsminister ohne Geschäftsbereich.
Dr. Fabian von Schlabrendorff, Leutnant, Ordonnanzoffizier bei Generalmajor Henning von Tresckow im Stab der Heeresgruppe Mitte, Rechtsanwalt.
Georg Thomas, General der Infanterie, bis 1942 Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW).
Amelie Thyssen, Ehefrau von Fritz Thyssen.
Fritz Thyssen, Großindustrieller, ehemaliges Mitglied des Deutschen Reichstages (Abgeordneter der NSDAP), früherer preußischer Staatsrat und Vorsitzender des Aufsichtsrats der
"Vereinigten Stahlwerke A.-G.", Düsseldorf.
Frankreich
Jeanne Léon Blum geb. Levylier, Ehefrau von Léon Blum.
Léon Blum, ehemaliger Ministerpräsident.
Prince Xavier de Bourbon, Bruder der Kaiserin Zita, der Ehefrau Kaiser Karls I. von Österreich.
Armand Mottet, Werkführer.
Gabriel Piguet, Bischof der Diözese Clermont in der Auvergne.
Ray N. Van Wymeersch, Capitaine (Hauptmann), "Force Aerienne Francaise du General de Gaulle".
Griechenland
Constantin Bakopoulos, Generalleutnant.
Panajotis Dédés, Generalleutnant.
Vassilis Dimitrion, Soldat.
Nikolaos Grivas, Caporal (Korporal).
Georges Kosmas, Generalleutnant.
Alexandros Papagos, General, Oberbefehlshaber des griechischen Heeres.
Andrew Waish, Soldier, Aircraft Fitter (Flugzeugmechaniker), RAF.
Italien
Eugenio Apollonio, Vice-Capo della Polizia (stellvertretender Polizeichef) unter Mussolini in der Repubblica Sociale Italiana (RSI) in Salö.
Mario Badoglio, Sohn des Marschalls Pietro Badoglio.
Davide Ferrero, Colonello (Oberst).
Sante Garibaldi, Generale (General).
Tullio Tamburini, Capo della Polizia (Polizeichef) unter Mussolini in der Repubblica Sociale Italiana (RSI) in Salò.
Jugoslawien
Hinko Dragic, Oberstleutnant.
Novak D. Popovic, Generalpostmeister.
Dimitrije Tomalevsky, Journalist.
Lettland
Gustavs Celmins, Magister der Philosophie, Hauptmann der Reserve der lettischen Armee, Mitarbeiter des finnländischen Feldmarschalls Carl Gustaf Emil Freiherrn von Mannerheim.
Niederlande
Dr. Johannes J. C. van Dijk, Verteidigungsminister.
Norwegen
Arne Daehli, Kapitän zur See der norwegischen Seestreitkräfte, Chefinspektor des norwegischen Walfangs.
Österreich
Dr. Konrad Praxmarer, Schriftsteller.
Dr. Richard Schmitz, bis 1938 Bürgermeister von Wien.
Aleksander von Ginzery, kömglich ungarischer Oberst der Artillerie.
Josef Hatz, königlich ungarischer Major.
Samuel Hatz, Schulleiter in Ruhe, Vater von Josef Hatz.
Andreas von Hlatky, Staatssekretär im Ministerpräsidium.
Miklos (Nikolaus) von Horthy jr., Gesandter, Mitglied des Oberhauses, Sohn des Reichsverwesers.
Géza von Igmándy-Hegyessy, Generalleutnant a. D., Mitglied des Oberhauses.
Miklos von Kállay, bis 1944 ungarischer Ministerpräsident.
Julius Király, Oberst der königlich ungarischen Gendarmerie, Sektionschef im Innenministerium.
Dr. Desiderius von Ónody, Staatsbeamter, Sekretär von Horthy jr.
Peter Baron Schell, Minister des Innern.
2. Die Sippenhäftlinge aus Deutschland
Annelise Gisevius, Lehrerin, Schwester von
Dr. Hans-Bernd Gisevius, der nach dem mißglückten Attentat auf Hitler in die Schweiz floh.
Anneliese Goerdeler geb. Ulrich, Ehefrau des früheren Leipziger Oberbürgermeisters Carl Goerdeler, der einer der führenden Männer des bürgerlich-konservativen Widerstandes gegen Hitler war.
Benigna Goerdeler, Tochter von Anneliese und Carl Goerdeler.
Dr. Gustav Goerdeler, Chefarzt, Bruder von Carl Goerdeler.
Irma Goerdeler geb. Reuter, Ehefrau von Ulrich Goerdeler und Schwiegertochter von Anneliese und Carl Goerdeler.
Jutta Goerdeler, Cousine von Benigna Goerdeler.
Dr. Marianne Goerdeler, Tochter von Anneliese und Carl Goerdeler.
Reinhard Goerdeler, Sohn von Anneliese und Carl Goerdeler; er kam am Pragser Wildsee nicht an.
Ulrich Goerdeler, Rechtsanwalt, Sohn von Anneliese und Carl Goerdeler.
Käte Gudzent geb. Gohlke.
Franz Freiherr von Hammerstein, Sohn von Maria und Kurt von Hammerstein-Equord; er kam am Pragser Wildsee nicht an.
Hildur Freiin von Hammerstein, Tochter von Maria und Kurt von Hammerstein-Equord.
Maria Freifrau von Hammerstein-Equord geb. Freiin von Lüttwitz, Ehefrau von Kurt von Hammerstein-Equord.
Fey von Hassell Pirzio Biroli, Tochter des Botschafters Ulrich von Hassell in Rom, der wegen seiner Beteiligung am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 zum Tode verurteilt wurde.
Anna-Luise ("Anne") von Hofacker, Tochter von Ilse Lotte und Cäsar von Hofacker.
Eberhard von Hofacker, Sohn von Ilse Lotte und Cäsar von Hofacker.
Ilse Lotte von Hofacker geb. Pastor, Ehefrau des Oberstleutnants der Reserve Cäsar von Hofacker, der an der Verschwörung gegen Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt war.
Peter A. Jehle; er kam am Pragser Wildsee nicht an.
Elisabeth Kaiser, Tochter von Therese Kaiser.
Therese Kaiser geb. Mohr.
Arthur Kühn, Diplom-Ingenieur, Patentanwalt.
Hildegard Maria Kühn, Ehefrau von Arthur Kühn; sie blieb aus gesundheitlichen Gründen im KL Dachau zurück.
Anni Freifrau von Lerchenfeld, Schwiegermutter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg; sie starb im Straflager der SS und Polizei in Matzkau.
Lini Lindemann geb. von Friedeberg, Ehefrau des Generals der Artillerie Fritz Lindemann, der zum Kreis der Verschwörer vom 20. Juli 1944 gehörte.
Josef Mohr, Montagemeister, Bruder von Therese Kaiser.
Käthe Mohr geb. Schmaus, Ehefrau von Josef Mohr.
Gisela Gräfin von Plettenberg-Lenhausen, Tochter von Walther Graf von Plettenberg-Len-hausen.
Walther Graf von Plettenberg-Lenhausen, Baumwollimporteur.
Dietrich Schatz, Major; er kam am Pragser Wildsee nicht an.
Hans-Dietrich Schröder, Sohn von Ingeborg Schröder.
Harring Schröder, Sohn von Ingeborg Schröder.
Ingeborg Schröder geb. Siems.
Sybille-Maria Schröder, Tochter von Ingeborg Schröder.
Dr. Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, Professor für Alte Geschichte, Bruder von Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Alexandra Schenk Gräfin von Stauffenberg, Tochter von Markwart sen. Schenk Graf von Stauffenberg.
Clemens sen. Schenk Graf von Stauffenberg, Vetter von Claus Schenk Graf von Stauffenberg; er wurde aus gesundheitlichen Gründen aus dem Transport herausgenommen.
Clemens jr. Schenk Graf von Stauffenberg, Sohn von Markwart sen. Schenk Graf von Stauffenberg.
Elisabeth Schenk Gräfin von Stauffenberg geb. Freiin von und zu Guttenberg, Ehefrau von Clemens sen. Schenk Graf von Stauffenberg.
Inèz Schenk Gräfin von Stauffenberg, Tochter von Markwart sen. Schenk Graf von Stauffenberg.
Maria ("Mika") Schenk Gräfin von Stauffenberg geb. Classen, Ehefrau von Berthold Schenk Graf von Stauffenberg.
Marie-Gabriele ("Gagi") Schenk Gräfin von Stauffenberg, Tochter von Elisabeth Schenk Gräfin von Stauffenberg und Clemens sen. Schenk Graf von Stauffenberg.
Markwart sen. Schenk Graf von Stauffenberg ("Onkel Moppel"), Oberst.
Markwart jr. Schenk Graf von Stauffenberg, Sohn von Elisabeth Schenk Gräfin von Stauffenberg und Clemens sen. Schenk Graf von Stauffenberg; er kam am Pragser Wildsee nicht an.
Otto Philipp Schenk Graf von Stauffenberg, Sohn von Elisabeth Schenk Gräfin von Stauffenberg und Clemens sen. Schenk Graf von Stauffenberg.
Isa Vermehren, Kabarettistin, Musikerin, Filmschauspielerin.
Von den 45 Sippenhäftlingen, die sich im Geiseltransport nach Südtirol befanden, kamen 37 in Niederdorf an.
Außerdem begleiteten den Transport zwei Dachauer Häftlinge, die den Prominenten für Hilfsdienste zur Verfügung
stehen sollten: der Koch und ehemalige Zirkusclown
Wilhelm Visintainer (genannt "Kohlenklau") aus Wuppertal-Elberfeld
und der Friseur und Zeuge Jehovas Paul Wauer aus Breslau.
Vera von Schuschnigg wurde vom Reichssicherheitshauptamt nicht als Gefangene geführt. Sie hatte sich mit der
Tochter Maria Dolores Elisabeth ("Sissy") freiwillig zu ihrem Mann in die Haft begeben.
Insgesamt bestand der Geiseltransport, der in Niederdorf eintraf, aus 139 Personen.