Autoren: Karlheinz Bauer, Alfred Hoffmann, Heiner Jestrabek, Gebhard Klehr, Wolfgang Proske, Peter Stadlbauer, Sybille Steinbacher, Herrmann Wenz
Quelle: Königsbronner Wochenblatt 2.12.2010
"Ich bin doch nur gefahren"
Unter dem Titel "Täter Helfer Trittbrettfahrer NS-Belastete von der Ostalb" ist dieser Tage ein
Sammelband mit 16 Biografien von aktiv Handelnden des Nazi-Regimes erschienen. Mit dem Gedenken an
die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft tut man sich in aller Regel nicht mehr schwer,
und auch der Widerstand gegen das Terror-Regime wird Schritt um Schritt aufgearbeitet und ins rechte Licht gerückt
– das beeindruckende Denkmal für Georg Elser am Königsbronner Bahnhof beweist das als jüngstes Beispiel.
Dass es ohne Täter niemals Opfer gegeben hätte, ist nicht nur logisch – es wird auch bis heute gern vergessen
oder verdrängt. Gewisse Fragen seien von der Forschung "wohl noch nicht einmal richtig gestellt"
worden, geschweige denn beantwortet worden, schreibt denn auch der Herausgeber und Mitautor Dr. Wolfgang Proske
im ersten Absatz des Buches "Täter Helfer Trittbrettfahrer – NS-Belastete von der Ostalb".
In 16 Biografien, darunter die Erwin Rommels als wohl "prominentestem" Vertreter, zeigen die
acht Autoren auf, welch unterschiedliche Personen in den Nazi-Terror involviert waren – und
dass das Regime nicht nur aus Befehlshabern bestand, sondern eben auch aus Befehlsempfängern und damit Ausführenden.
"An vielen Orten scheint die Erinnerung an lokale Täter und ihre Helfer geradezu ausradiert", bemerkt Proske.
Natürlich können die 16 Biografien nicht das gesamte Feld der NS-Täterschaft auf der Ostalb abdecken.
Aber das knapp 300 Seiten starke Buch ermöglicht einen Einblick in eine heutigen Generationen nahezu
unvorstellbar erscheinende Welt, in der nicht nur eine vermeintliche "Elite" zu Verbrechern wurde,
sondern Menschen von nebenan. "Ganz normale Männer", wie es auch schon in dem gleichnamigen Buch
von Christopher R. Browning über ein Hamburger Reserve-Polizeibataillon aufgezeigt wurde. Dabei lag bisweilen nicht
einmal politische Überzeugung zu Grunde – was nichts entschuldigen würde – , sondern
immer wieder schlicht Karrierestreben, für das Täter, Helfer oder Trittbrettfahrer bereit waren, ihren Beitrag
zu Terror und Mord zu leisten.
Einen "Schlussstrich" zu ziehen und das Geschehen vor über 65 Jahren ruhen zu lassen ist
eine Forderung, die offenbar auch den Autoren dieses Buchs begegnete, wenngleich Proske und seine
Kollegen bei ihren Recherchen offenbar überwiegend auf Entgegenkommen bei Angehörigen oder Behörden
stießen. Es gehe nicht um persönliche Schuld der Handelnden, "sondern um die trotz allem kühle
Analyse des Versagens jener Kollektive, deren Exponenten diese Einzelnen waren", schreibt Proske und
spitzt das zwei Seiten weiter noch zu: "Neu ist zu bedenken, dass die Großtäter nicht alleine
waren und auch nicht als böse braune Männchen von einem fremden Planeten in Deutschland einfielen."
Vielmehr hätten sie "unzählige Mitläufer und Trittbrettfahrer" gefunden.
Ein tief erschütterndes Beispiel für diese Mentalität des "Was hätte ich denn tun sollen?" ist die Biografie
des 1906 in Dischingen geborenen SS-Hauptscharführers Johann Haßler. In den Jahren 1942 bis 1944
war er in der Sowjetunion als Mitglied einer so genannten Einsatzgruppe an Massenmorden beteiligt,
nicht zuletzt als Fahrer eines "Gaswagens" – eines Lastwagens mit hermetisch abgedichtetem Laderaum,
in dem Menschen mit Auspuffgasen ermordet wurden. Wie Proske schreibt, rechtfertigte sich
Haßler später, er sei "doch nur gefahren", obwohl er beispielsweise bewusst habe langsam
fahren müssen, damit niemand die Fahrt überleben konnte.
"Der NS-Staat konnte sich nur entfalten, weil Millionen reibungslos zu seinen Spießgesellen
wurde", zieht Historiker Proske ein Fazit aus den Recherchen. jeb
Dr. Wolfgang Proske (Hrsg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer – NS-Belastete von der Ostalb,
Verlag Klemm+Oelschläger (Münster/Ulm) 2010.