Wird das Schwarz-Weiß-Denken jetzt durch eine realitätsnahere Sicht abgelöst?
Über viele Jahrzehnte wurde Georg Elser als Marionette des britischen Geheimdienstes oder der
Nationalsozialisten verkannt. Später ist die Rezeption Elsers in eine eher unkritische
Idealisierung sämtlicher Aspekte seines Attentats auf Hitler umgeschlagen. Es kann sein, dass
jetzt zum 70. Jahrestag des gescheiterten Anschlags das bisherige Schwarz-Weiß-Denken allmählich durch
eine realitätsnahere Sicht auf diesen zweifellos großen Deutschen und seine Tat abgelöst wird.
VON PETER KOBLANK
Mehrere Online-Dienste1 berichteten von einem Symposium am 22. Oktober 2009 in München, bei dem
"der Historiker-Streit über den Attentäter Georg Elser wieder aufgeflammt" sei.
Wer genau hinschaut, merkt aber, dass eher das Gegenteil der Fall ist.
Der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, Professor Dr. Peter Steinbach,
hat bei diesem Symposion Georg Elser als Vorbild gewürdigt. Der Chemnitzer Professor Dr. Lothar Fritze2
hingegen verkennt nach Worten Steinbachs mit seinem Terrorismus-Vorwurf den Weitblick und die moralische Größe
des schwäbischen Schreiners.
"Fritze vergleicht Elser mit der RAF", sagte der Mannheimer Professor empört. Tatsächlich aber habe
Elser den Krieg stoppen wollen, die Verlogenheit und "das abgrundtief Böse" der Nazis gehasst
und von einer herrschaftsfreien Welt geträumt. Er sei ein einfacher Mann gewesen, aber
"er ist dem Ziel, Hitler zu beseitigen, denkbar nahe gekommen", sagte Steinbach.
Elser habe mehr Verantwortung, Mut und Tatkraft bewiesen als die meisten, die ihm später
Verantwortungslosigkeit vorgeworfen hätten.
Dem ist im Großen und Ganzen nicht zu widersprechen, wobei Fritze Elser nicht einfach mit der RAF vergleicht 3
und für einen angeblichen Traum Elsers "von einer herrschaftsfreien Welt" keine ernsthaften
Beweise existieren.4
Schaut genau hin
Frage:
"Ist es Ihnen denn gleichgültig, ob Sie 8 Menschen vom Leben zum Tode gebracht haben?"
Antwort:
"Nein, das ist mir nicht gleichgültig."
Frage:
"Was würden Sie machen, wenn Sie heute aus irgendeinem Grunde freigelassen würden?"
Antwort:
"Ich würde versuchen, wieder gut zu machen, das, was ich Schlechtes getan habe."
Frage:
"Wodurch und wie?"
Antwort:
"Indem ich mich bemühen würde, mich in die Volksgemeinschaft zu finden und mitzuarbeiten."
Frage:
"Könnten Sie das?"
Antwort:
"Ich habe meine Absicht geändert."
Frage:
"Dadurch, dass Sie festgenommen worden sind?"
Antwort:
"Nein, ich glaube bestimmt, dass mein Plan gelungen wäre, wenn meine Auffassung richtig gewesen wäre. Nachdem er nicht gelungen ist, bin ich überzeugt, dass es nicht gelingen sollte und dass meine Ansicht falsch war."
Selbst gelesen, genehmigt und unterschrieben: gez. Georg Elser.8
Ganz entscheidend aber ist folgende Äußerung Steinbachs, wenn sie denn von den Journalisten von Associated Press so
richtig wiedergegeben wurde:
"An Elser zu erinnern heißt nicht, alle aufzufordern, es ihm gleich zu tun, wenn
man sich über die Regierung ärgert. Es kommt auf die Werte an." Die Botschaft laute
Steinbach zufolge nicht "Jetzt werdet alle Attentäter", sondern
"Schaut genau hin".
Die Formulierungen Steinbachs sind bemerkenswert. Eine Reduzierung der Vorbildfunktion Elsers auf diese
Botschaft würde Lothar Fritze vermutlich sofort unterschreiben. Die von Fritze vorgetragenen Bedenken - vor
allem hinsichtlich des von Elser ausführlich erläuterten sozialen Motivs sowie der Tatvorbereitung und
-ausführung - können ja mit dem "Schaut genau hin" von Steinbach problemlos koexistieren.
Wo viel Licht ist, da gibt es eben auch Schatten. Das wurde von denen, die in Elser in ihrem Schwarz-Weiß-Denken
ein unfehlbares Idol gefunden zu haben glaubten, in letzter Zeit übersehen. Georg Elser vermittelt uns eine wichtige Botschaft, er
kann aber nicht völlig unkritisch zu einem Vorbild idealisiert werden, dem alle nachzueifern haben.
Denkmale und Straßen
Georg Elser hat als einfacher "kleiner" Mann beinahe den Lauf der Geschichte dahingehend verändert, dass der
Menschheit möglicherweise viel Leid erspart worden wäre. Die von Elser angestrebte Beseitigung Hitlers findet heute den
Beifall in der Bevölkerung - auch quer durch die politischen Parteien von der CSU bis zu den Linken.
Es gibt inzwischen fünf Elser-Denkmale, zahlreiche Gedenkplatten, eine Gedenkstätte, eine
Sonderbriefmarke und über dreißig nach Elser benannte Wege, Straßen, Plätze und Alleen.5
Bei einer Doku-Show des ZDF im Jahr 2003 landete Elser unter den 100 größten Deutschen.6
Wer heute an Widerstand im Dritten Reich denkt, dem fallen als erstes Scholl - Stauffenberg - Elser ein.
Dieser Spitzenplatz unter den Widerstandskämpfern ist nicht zuletzt ein Verdienst von Steinbach, aber auch
des Georg-Elser-Arbeitskreises Heidenheim und der anderen Georg-Elser-Initiativen.
Dass an Georg Elsers Händen das Blut Unschuldiger klebt, steht seiner Würdigung nicht entgegen: Er ist gewiss nicht der
einzige große Mann, auf den dies zutrifft. All diese problematischen Fälle werden zwar mit Denkmalen
und Straßen geehrt, in ihren Biografien und im Schulunterricht aber nicht hemmungslos idealisiert oder als
uneingeschränkte Vorbilder propagiert.
Mit der Website www.georg-elser-arbeitskreis.de ist seit 2005 das mit großem Abstand umfangreichste
Online-Archiv entstanden, das heute für einen Widerstandskämpfer existiert. Dieses Projekt begibt sich nicht
auf das Glatteis der Hagiografie 7, sondern bietet Fakten, Quellen, Übersichten und Denkanstöße. Der
Besucher findet alles, um sich ein eigenes Bild von Elser zu machen - aufoktroyiert wird ihm keines.
Der respektvolle Umgang mit den Opfern des Attentats ist auf dieser Website eine Selbstverständlichkeit
und dürfte im Sinne Georg Elsers sein.
Steinbach liegt aber sicher richtig mit dem, was der Fall Elser uns sagen kann: Schaut genau hin - und
schließt nicht aus, dass das, was gerade alle denken, nicht unbedingt automatisch richtig sein muss.
Das kann auch von denen akzeptiert werden, die schon immer ihre berechtigten Zweifel daran hatten, dass Elsers Tat
uneingeschränkt zu bejahen sei und man an seine unschuldigen Opfer keinen Gedanken zu verschwenden habe.
Einen Terrorismus-Vorwurf hat der Politikwissenschaftler Fritze nicht erhoben. Ein Tyrannenmord wie
im Fall Elser fällt schon per definitionem nicht unter die Rubrik Terrorismus. Vgl. Hanka Kliese,
Interview mit Lothar Fritze
4
Anarchie ist laut Wikipedia
ein "Zustand der Abwesenheit von Herrschaft". Wenn Elser davon geträumt hätte,
wäre er somit ein Anarchist - eine völlig neue, von
den bisher bekannten Quellen aber kaum zu stützende Deutung.
Hagiografie
ist laut Wikipedia die Darstellung des Lebens von Heiligen. Im übertragenen Sinne bezeichnet der Begriff Hagiografie
eine unkritische und euphemistische Biographie, die den Beschriebenen als "Heiligen"
im Sinne eines vorbildhaften Menschen ohne Makel darstellt.