Umfangreiche Literatur über Elser / Artikel in "L'Ancien d'Algérie"
In der Heidenheimer Presse stand Anfang 2011 im Hinblick auf Georg Elser, "dass die Franzosen sich offensichtlich
schwer täten mit dem deutschen Widerstand - so, als ob Resistance eine rein französische Erfindung sei."1
Dies kann man nach jüngsten Erkenntnissen so nicht stehen lassen.
VON PETER KOBLANK UND LAURENT BUSTAUS (ÜBERSETZUNG)
Schon fünfzehn Jahre, bevor in Deutschland die erste Elser-Biografie erschien, hat André Bogaert, ein französischer
Professor in Angers, ein 272 Seiten dickes Buch über den Bürgerbräuattentäter geschrieben. Es erschien
1974 in Paris unter dem Titel "Un homme seul contre Hitler".2
Alain Decaux (* 1925), ein bekannter französischer Historiker und Rundfunkmoderator, hat
1995 unter dem Titel "Histoires extraordinaires" eine 305 Seiten starke Sammlung
"außergewöhnlicher Geschichten"
geschrieben, in der auch ein ausführliches Kapitel zu Georg Elser steht.3
Seit Januar 2005 gibt es bei Wikipedia auch eine französische Seite über Georg Elser.4 Hier war
man allerdings in Deutschland im Juni 2003 etwas schneller. Stark beteiligt am Aufbau der französischen Wikipedia-Seite
über Georg Elser war Henri Pidoux, ein französischer Deutschlehrer, der im April 2012 bei der
traditionellen Gedenkfeier zum Todestag Elsers am Gedenkstein in Heidenheim-Schnaitheim sprechen wird.5
Didier Chauvet, Bibliothekar und nach eigenen Worten mit einer Leidenschaft für Literatur und Geschichte, veröffentlichte
2009 die 138-seitige Biografie "Georg Elser et l'attentat du 8 novembre 1939 contre Hitler".6
Dieses Buch gibt es auch als elektronisches Kindle Buch. Chauvet hat bereits 2004 ein Buch über Sophie
Scholl geschrieben.
Buchcover von Bogaert, Decaux und Chauvet. Wikipedia-Autor Pidoux.
Wie alltäglich die Auseinandersetzung mit Elser in Frankreich heute anscheinend ist, zeigt ein Artikel von
Marcelle Reitzer, der uns zugeschickt wurde.7 Er erschien in der Zeitschrift
"L'Ancien d'Algérie" der Fédération Nationale des Anciens Combattants
én Algerie, Maroc et Tunisie (FNACA). Dieses Magazin der Vereinigung der Kriegsveteranen der französischen
Kolonialkonflikte in Nordafrika zwischen 1952 und 1962 hat eine Auflage von über 400.000 Exemplaren:
Hier die Übersetzung des Artikels im "L'Ancien d'Algérie",
der auf dem oben genannten Buch von Alain Decaux basiert:
Das Münchener Attentat von 1939
Es ist ein erschreckender Gedanke, dass an diesem Abend des 8. Novembers 1939 im Bürgerbräukeller
nur 12 Minuten gefehlt hätten, um Hitler mit einer vom Schwaben Georg Elsers selbstgebauten und in
einem Pfeiler versteckten Bombe, zu töten und damit Millionen von Menschen das Leben zu retten.
Der Zweite Weltkrieg hätte nicht stattgefunden und folglich ebenso wenig wie die daraus resultierenden
Schreckenstaten, die KZ, die Qualen, die Exekutionen, die Ghettos, der Holocaust, die Zerstörung...
Dreitausend Anhänger des Nationalsozialismus waren an diesem Abend in der Gaststätte versammelt, um des
Putschversuchs vom 8. November 1923 zu gedenken. Im Anschluss an diese missratene Aktion wurde Hitler damals
festgenommen, vor Gericht gestellt und ins Gefängnis gesperrt, wo er auch sein Buch "Mein Kampf" schrieb,
das später zur Bibel seiner Anhänger wurde. Sie warteten darauf, was ihr bereits abgöttisch
verehrter Chef Adolf Hitler ihnen sagen würde.
An diesem Abend jedoch herrscht eine besondere Situation: Hitler hat seinen Krieg begonnen, ist
im Frühjahr in Prag einmarschiert, zwei Monate zuvor hat er Polen eingenommen und den Hitler-Stalin-Pakt
unterzeichnet, den er übrigens bald darauf brechen wird. Frankreich und Großbritannien glaubten,
sie könnten den bevorstehenden Krieg abwenden und wurden ebenfalls von Hitler in die Irre geführt.
Die Nazis erwarten nun also, was er ihnen verkünden werde. Normalerweise dauert seine Rede eineinhalb
Stunden. Doch jetzt tritt er mit einer bedrückten Laune auf und beendet, trotz der Besessenheit seiner
aufmerksamen Zuhörer, seine Rede bereits nach fünfzig Minuten. Er scheint in Eile zu sein; er
hält sich nicht mal mehr mit Händeschütteln und Unterhaltungen mit Freunden auf, sondern beeilt sich,
um mit dem nächsten Zug nach Berlin zu fahren. Um 21.09 Uhr verlässt er den Saal. Seine enttäuschten
Anhänger gehen ebenfalls nach draußen und der Saal leert sich, sodass nur noch das Bedienungspersonal
und 10 SS-Beamte übrig bleiben. Plötzlich wird der gesamte, gewissermaßen historische Saal durch eine enorme
Explosion pulverisiert. Es ist 21.20 Uhr.
Wäre Hitler wie gewöhnlich dageblieben, wäre nichts mehr von ihm übrig geblieben. Und 12 ärmliche,
winzige und hirngespinstige Minuten hätten die Welt gerettet. Das ist ein schrecklicher Gedanke.
Georg Elser war ein junger schwäbischer Schreiner und zum Zeitpunkt des Attentats 36 Jahre alt.
Er wird von der Gestapo verhört und gesteht. Er bleibt bis 1941 in deren Händen und wird dann in das Lager
Oranienburg geschickt, wo er seltsamerweise eine gewisse Zeit lang eine Sonderbehandlung erfährt;
er ist von der Sträflingskleidung befreit, wird gut ernährt und darf sogar seinen Beruf als Schreiner
und Tischler ausüben. Man könnte sogar meinen, dies sei auf den Aberglauben Hitlers zurückzuführen, sein Schicksal
sei mit dem seines Attentäters verbunden. Doch dies ist nur eine Vermutung.
1944 wird er nach Dachau verlegt. Am 5. April 1945 wird er unter einem falschen Vorwand von 2 SS-Beamten
zu den Krematorien gelockt und dort durch einen Kopfschuss getötet. Hitler hatte nur noch einige Tage zu leben.
Marcelle Reitzer (Text frei inspiriert nach Alain Decaux)