Teil 2: Der designierte Nachfolger des "Führers" / Hätte das Militär geputscht?
Um ein Haar wäre das Deutsche Reich Anfang November 1939 ohne Regierungschef und Staatsoberhaupt (Adolf Hitler),
ohne NSDAP-Vorsitzenden (Adolf Hitler), ohne Stellvertretenden NSDAP-Vorsitzenden (Rudolf Heß),
ohne Reichsminister des Inneren (Wilhelm Frick), ohne Reichsminister für Volksaufklärung und
Propaganda (Joseph Goebbels) und ohne Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei (Heinrich Himmler) dagestanden.
Wer hätte in dieser chaotischen Situation die Führung übernommen?
VON PETER KOBLANK
Laut "Gesetz über den Nachfolger des Führers und Reichskanzlers" vom 13. Dezember 1934 konnte
Adolf Hitler bis zur Schaffung einer neuen Verfassung seinen Nachfolger selbst bestimmen. Hitler nominierte in einem
Geheimerlass vom 19. Dezember 1934, der in einer späteren Abschrift auf den 7. Dezember 1934 zurückdatiert wurde,
Hermann Göring zu seinem Nachfolger:
Er hat unmittelbar nach meinem Tode die Mitglieder der Reichsregierung, die Wehrmacht des
Deutschen Reiches sowie die Formationen der SA und SS auf seine Person zu vereidigen.
Die drei Exemplare dieses Erlasses wurden bei Hitler, General Werner von Blomberg (Reichswehrminister) und
Hans Heinrich Lammers (Chef der Reichskanzlei) aufbewahrt. Göring wurde, wie er
in Nürnberg aussagte, nur mündlich informiert. Erst 1936 wurden die übrigen Reichsminister darüber in Kenntnis gesetzt.
Am 23. April 1938 wurde Göring nochmals in einem "Führer-Erlass" zum Nachfolger bestellt. 1
Als Hitler am 1. September 1939 im Reichstag seine berüchtigte
Regierungserklärung zum Krieg gegen Polen
("Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!") abgab, erklärte er Göring öffentlich
zu seinem ersten Nachfolger:
Ich habe damit wieder jenen Rock angezogen, der mir einst selbst der heiligste und teuerste war. Ich werde ihn
nur ausziehen nach dem Sieg, oder ich werde dieses Ende nicht erleben!
Sollte mir im diesem Kampfe nun etwas zustoßen, dann ist mein erster Nachfolger Parteigenosse Göring.
Sollte Parteigenossen Göring etwas zustoßen, ist der nächste Nachfolger Parteigenosse Hess. Sie würden diesen
dann als Führer genau so zu blinder Treue und Gehorsam verpflichtet sein wie mir. Sollte auch
Parteigenossen Hess etwas zustoßen, werde ich durch Gesetz nunmehr den Senat berufen, der dann den Würdigsten,
d.h. den Tapfersten, aus seiner Mitte wählen soll.2
Der designierte Nachfolger
Göring und Hitler im Jahr 1939
Der 46-jährige Hermann Göring war Reichsminister der Luftfahrt, Reichsjägermeister und Oberster Beauftragter
für den Naturschutz, Beauftragter für den Vierjahresplan, Generalfeldmarschall und morphiumabhängig.
Im Ersten Weltkrieg war Göring Jagdflieger. Kaiser Wilhelm II. überreichte ihm 1918
den höchsten deutschen Orden für besondere Tapferkeit, den Pour le Mérite. Nachdem
Manfred von Richthofen gefallen war, erhielt
Göring das Kommando über das Geschwader des "Roten Barons".
Er war ein Nationalsozialist der ersten Stunde und nahm 1923 am Hitler-Ludendorff-Putsch in München teil. Er wurde
verletzt und nach seiner Flucht in einem Innsbrucker Krankenhaus mit Morphium behandelt, was ihn unverschuldet lebenslang
zum Süchtigen machte.
Als Reichstagspräsident verkündete er 1935 mit stolzer Brust die Nürnberger Rassegesetze, mit denen
die Juden offiziell aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen wurden, keine deutschen Reichsbürger mehr waren und
zahlreichen Einschränkungen im täglichen Leben unterworfen wurden.
Als Beauftragter für den Vierjahresplan war er seit 1936 der wichtigste Mann der deutschen Wirtschaft und
weisungsbefugt gegenüber allen Wirtschafts- und Kriegswirtschaftsbehörden.
Seine Luftwaffe hatte sich bereits seit 1936 am spanischen Bürgerkrieg beteiligt. Am 26. April 1937 legte die "Legion
Condor" die kleine Stadt Guernica in Schutt und Asche - was im Ausland eine verheerende Wirkung hatte und auf einem
legendären Bild Pablo Picassos als Inbegriff für das Grauen des Krieges verewigt wurde.
Hermann Göring - der neue "Führer"
Göring war, wie im
ersten Teil dieser Serie bereits behandelt, neben Hitler und Goebbels das erklärte Ziel
Georg Elsers. Er war aber am Abend des Attentats nicht in München.
Der sich jovial gebende Reichsfeldmarschall genoss in der Bevölkerung hohe Popularität.
Es kann nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass niemand in der NSDAP
gegen den ausdrücklichen Willen des verstorbenen "Führers" Göring dessen Nachfolge streitig gemacht
hätte. Es wären am Tag nach dem Attentat ohnehin kaum noch Alternativen übriggeblieben.
Das Dritte Reich war das absolute Gegenteil eines straff organisierten Staats. Die Kompetenzen der Ministerien
und Behörden, der staatlichen Stellen und der Parteiinstitutionen, waren unklar definiert und überschnitten sich.
Das Regierungskabinett traf sich seit 1933 nur noch sporadisch und dann gar nicht mehr. Wertvolle Energie wurde
verschwendet, weil konkurrierende Institutionen gegeneinander arbeiteten. Dieses Durcheinander war von Hitler
so gewollt: Alle Fäden liefen letztlich bei ihm und nur bei ihm zusammen.
Ob Göring, der nicht gerade für großen Fleiß bei der Ausübung seiner Ämter bekannt war und durch seine
Drogenabhängigkeit leistungsgemindert war, diese Form der Regierung längere Zeit mit Erfolg durchgehalten
und die divergierenden Kräfte innerhalb des Regimes auf Dauer unter Kontrolle gehalten hätte, weiß niemand.
Vielleicht wäre er irgendwann von einem parteiinternen Konkurrenten, vielleicht von dem ehrgeizigen Reinhard
Heydrich, der vermutlich die Nachfolge Himmlers als Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei angetreten
hätte, verdrängt worden. Vielleicht hätte er auch bis weit in die 1960-er Jahre - er war ja siebzehn Jahre jünger,
als Konrad Adenauer - ein nationalsozialistisches Deutschland regiert.
All dies gehört ins Reich der Spekulation. Worauf es aber entscheidend ankommt: Im November 1939 gab es
wegen Hitlers Überfall auf Polen einen von Frankreich und Großbritannien erklärten Krieg - und in
dieser kritischen Situation hätte vorläufig Göring das Sagen gehabt.
Görings Friedensbemühungen
Dieser Krieg war von Göring nicht gewollt. Immer wieder hatte er Hitler im Sommer 1939 gewarnt.
Beispiel: "Wir wollen doch das Vabanquespielen lassen!" Hitlers lapidare Antwort: "Ich habe in meinem Leben
immer va banque gespielt." 3
Birger Dahlerus
Direkt vor Kriegsausbruch, aber auch noch nach dem deutschen Sieg über Polen versuchte Göring erfolglos, über
Birger Dahlerus, einen befreundeten schwedischen Industriellen, mit Vertretern der britischen Regierung über eine
Beendigung des Krieges zu verhandeln.
In der ersten Kriegswoche bot Göring Anfang September 1939 über diesen Kanal nichts Geringeres an, als selbst
die Regierungsgewalt in Deutschland zu übernehmen und Hitler in die nur repräsentative Rolle eines Präsidenten
zu verdrängen. Außerdem stellte er in Aussicht, Polen bis auf die nach dem Ersten Weltkrieg
im Versailler Vertrag abgetretenen deutschen Gebiete wieder als Staat zu errichten und die Judenverfolgungen
einzustellen.4
Auch mit dem Widerstand ging er vorsichtig auf Tuchfühlung. Beide Seiten spielten gedanklich die Möglichkeit einer
Übergangsregierung durch. Es kam aber zu keinem Ergebnis.5
Georg Elser wollte laut seinen
Aussagen bei der Gestapo
neben Adolf Hitler explizit auch Hermann Göring und Joseph Goebbels beseitigen.
Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch
eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die
"Obersten",
ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die
Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen
stellen, "die kein fremdes Land einbeziehen wollen" und die für eine Besserung der sozialen Verhältnisse der
Arbeiterschaft Sorge tragen werden. An bestimmte Personen, die die Regierung übernehmen sollten, habe
ich weder damals noch später gedacht. Den Nationalsozialismus wollte ich damals nicht beseitigen.
Ich war davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus die Macht in seinen Händen hatte und dass er diese
nicht wieder hergeben werde. Ich war lediglich der Meinung, dass durch die Beseitigung der genannten drei Männer
eine Mäßigung in der politischen Zielsetzung eintreten wird.6
Elser wusste nicht, dass der designierte Nachfolger Hitlers am Abend des Bombenanschlags gar nicht anwesend
sein würde. Noch weniger wusste er, dass Göring sich bereits um eine Annäherung mit den Alliierten bemühte,
um den Krieg zu beenden. War ausgerechnet Göring so ein "Mann, der an das Ausland keine
untragbaren Forderungen stellen" würde?
Hätte die Generalität gegen Göring geputscht?
Seit 1938 gab es in Führungskreisen der Deutschen Wehrmacht eine Opposition, die Pläne schmiedete, Hitler zu
entmachten oder gar zu beseitigen. Grund war, dass die Generalität Hitlers Außenpolitik als zu riskant betrachtete
und davon ausging, dass ein Krieg mit Großbritannien und Frankreich im Zusammenhang mit der Sudetenkrise,
der Besetzung der Tschechei oder dem Überfall auf Polen für Deutschland fatale Folgen haben würde.
Diese Umsturzpläne der Opposition haben sich jedoch immer wieder zerschlagen.
Am Mittwoch, 15. November 1939, also eine Woche nach der Gedenkfeier im Bürgerbräukeller am 8. November, sollte
auf Hitlers Befehl die Westoffensive gegen die Niederlande, Belgien, Frankreich und das britische Expeditionsheer beginnen.
Genau dies war auch der Grund für Hitlers frühen Abgang am Abend des Attentats, der ihm das Leben rettete.
Teile der Generalität hielten einen Erfolg dieser Offensive für ausgeschlossen und waren parallel
zu Elsers Aktivitäten zum wiederholten Mal mit Putschplänen beschäftigt.
Diese Westoffensive wurde bis Mai 1940 mehrmals verschoben. Aus den Absichten, Hitler zu entmachten oder
beseitigen, wurde nichts. Erst im März 1943 kam es zu einem
haarscharf gescheiterten Bombenattentat7
auf Hitler und schließlich im Jahre 1944 zu den Ereignissen des 20. Juli.
Die Opposition von 1939 richtete sich nicht gegen das nationalsozialistische System an sich. Sie richtete sich
vielmehr gegen einen "Führer", dessen Pläne man aus militärischer Sicht
mehr oder weniger für verrückt hielt.
Falls Hitler im Bürgerbräukeller dem Attentat Elsers zum Opfer gefallen wäre, hätte es
somit keinen Grund mehr für einen Militärputsch gegeben.
Ob die Wehrmacht allerdings auch bei Göring bereit gewesen wäre, den Fahneneid auf ihn
persönlich abzulegen, wozu Hitler sie 1934 überrumpelt hatte, ist jedoch fraglich.
Der Historiker Guido Knopp schrieb:
Hitler bedeutete Krieg, und diesen Krieg wollte Elser durch seine Tat verhindern. Er handelte
instinktsicher, aber ohne große intellektuelle Tiefe - über eine mögliche Nachfolge des verhassten
"Führers" oder des Regimes machte er sich keine Gedanken.8
Wäre es Elser gelungen, Hitler zu töten,
so hätte Göring dessen Nachfolge angetreten.
Vielleicht hätte er in Übereinstimmung mit konservativen Militärkreisen den Krieg beendet.9
Es spricht viel dafür, dass Göring dies zumindest versucht hätte. Aber hätten die alliierten
Gegner sich darauf eingelassen?
1
Alfred Kube: Pour Le Mérite und Hakenkreuz: Hermann Göring im dritten Reich, München 1987 S. 71 ff
2
Max Domarus: Hitler - Reden und Proklamationen 1932-1945, II. Band: Untergang (1939 - 1945), Würzburg 1963 S. 1312 ff
3
Guido Knopp: Göring - Eine Karriere, München 2006, Taschenbuchausgabe 2007 S. 126
4
Bernd Martin:
Britisch-deutsche Friedenskontakte in den ersten Monaten
des Zweiten Weltkrieges - Eine Dokumentation über die Vermittlungsversuche von Birger Dahlerus,
in: Zeitschrift für Politik, München 1972, Heft 19 (1972) S. 206 ff
Bernd Martin: Friedensinitiativen und Machtpolitik im Zweiten Weltkrieg 1939-1942, Düsseldorf 1974 S. 88
5
Guido Knopp: Göring - Eine Karriere, München 2006, Taschenbuchausgabe 2007 S. 128