Teil 1: Die unmittelbaren Auswirkungen im Bürgerbräukeller
Durch die Druckwelle der Explosion war der Pfeiler zerrissen worden, und im Bereich der Rednerbühne
war die gesamte Deckenkonstruktion krachend auf das Pult sowie auf die umliegenden Stuhlreihen und
Biertische gestürzt. Tonnenschwer war die Last von Mauerwerk, Dachträgern und Holzbalken, die drei
Menschen sofort erschlug und Dutzende unter sich begrub; fünf von ihnen starben nach der Einlieferung
in die Krankenhäuser, 63 Verletzte waren zu beklagen. Die Zahl der Opfer blieb nur deshalb so
verhältnismäßig gering, weil der Saal sich nach der Hitler-Rede schnell geleert hatte.1
VON PETER KOBLANK
Weder Guido Knopp, von dem diese Darstellung des Bürgerbräu-Attentats stammt, noch irgendein anderer Historiker hat
bisher über diese "so verhältnismäßig geringe" Zahl der Opfer
dieses Bombenanschlags auf Adolf Hitler am 8. November 1939 genauer nachgedacht. Warum "nur" acht Tote?
Waren nicht wenige Minuten vor der Detonation von Georg Elsers Zeitbombe noch zweitausend Menschen im Saal?
Oder gar dreitausend?
Wie viele Personen während der Hitler-Rede im Saal?
Bei der Anzahl der Anwesenden nennen uns die vier Elser-Biografen sehr unterschiedliche Zahlen. Bei Hellmut G.
Haasis (1999)2 sind es eintausendfünfhundert, bei Peter Steinbach/Johannes Tuchel (2008)3
und Ulrich Renz (2009)4 ist von rund zweitausend Teilnehmern die Rede.
In der ältesten Elser-Biografie werden von Helmut Ortner (1989)5 sogar dreitausend Besucher genannt.
Die Zahl dreitausend finden wir bereits bei Peter Hoffmann in einem Buch über den Personenschutz Hitlers (1979)6,
von dem Ortner sie wohl übernommen hat.
Bürgerbräukeller mit Tischen und Stühlen. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Bei einer Bestuhlung wie auf obigem Bild - sechs Stühle pro Tisch - hätten kaum mehr als fünfzehnhundert
Personen in den Bierkeller gepasst. Es gibt aber eine Reihe von Fotos vom 8. November 1939, die zeigen, wie
dichtgedrängt die Teilnehmer der Gedenkfeier unten im Saal und oben auf der Galerie beieinander saßen.
Dichtgedrängtes Publikum im Bürgerbräukeller. Quelle: Ulrike Albrecht
Adolf Hitler spricht im Bürgerbräukeller. Am 8. November 1939 tickt im
Pfeiler hinter der Fahne oberhalb des Hakenkreuzes Georg Elsers Bombe. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Von Biertischen ist in dieser Enge nicht viel zu sehen, auch wenn sie von Augenzeugen erwähnt wurden. Außerdem
gibt es ein Foto mit umgefallenen Bierkrügen, das nach dem Attentat entstanden ist und beweist, dass zumindest
oben auf der Tribüne Biertische gestanden haben.
Nach der Explosion: Maßkrüge auf Biertischen auf der Galerie. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Wie viele Personen - eintausendfünfhundert, zweitausend oder gar dreitausend - bei Hitlers Rede tatsächlich
anwesend waren, ist bis heute nicht geklärt. Keiner der zitierten Historiker hat seine Version mit Quellen belegt.
Wie viele Personen waren bei der Bomben-Explosion im Saal?
Wie viele Menschen befanden sich im Saal, als dreizehn Minuten nach Hitlers unerwartet frühzeitigem Abgang
Elsers Bombe explodierte?
Ortner (S. 34) schreibt: "Die meisten begeben sich jetzt zu den Ausgängen.
Nur die 'alten Kämpfer' bleiben noch beim Bier unter sich." Wie viele alte Kämpfer waren das?
Wir werden weiter unten eine Reihe prominenter alter Kämpfer, die am Hitler-Ludendorff-Putsch im Jahre
1923 teilgenommen hatten und nachweislich im Saal saßen, kennenlernen. Keiner von ihnen
war unter den Toten.
Haasis (S. 30) wird konkreter: "Der Saal leerte sich schnell, Hitler war ja weg, es blieben nur
120 Personen, darunter viele Musiker und technische Helfer."
Bei Steinbach/Tuchel (S. 52) sind es "etwa 200 Menschen".
Günter Peis7 hat bereits 1959 in einer spektakulären, groß aufgemachten
8-teiligen Serie in der "Bild am Sonntag"
eine seriöse investigativ-journalistische Arbeit vorgelegt, die sich weitestgehend mit dem heutigen Stand der
Elser-Forschung deckt. Er spürte eine Zeitzeugin auf, die von "etwa 150 Männern" sprach. Die
Bürgerbräu-Kellnerin Maria Strobl berichtete:
Gleich nach dem Horst-Wessel-Lied ist der Führer mit seinen engsten Mitarbeitern gegangen. Er hat den Saal
direkt durch den Haupteingang verlassen. Sein Auto wartete bereits vor unserem Portal an der Rosenheimer Straße.
Die meisten Tische im großen Saal hatten sich geleert. Auch auf der Galerie war kaum noch jemand. Insgesamt blieben
etwa 150 Männer im Saal. Sie hatten sich in kleineren Gruppen zusammengesetzt und diskutierten die Rede Adolf Hitlers.
Sie tranken auch noch was und redeten wie der Goebbels persönlich.
Die Herren verließen mit dem Hitler den Saal so plötzlich, dass ich gar nicht mehr kassieren konnte. Ich
musste nach den ganzen Aufregungen dieses 8. November noch neunmal in das "Braune Haus" in der Briennerstraße, bis ich
mein Geld bekam. Nie war jemand da, der bezahlen wollte. Schließlich hat Herr Niepold - das war ein
früherer Gauleiter - mir das Geld für sich und seine Kameraden gegeben.
Es gibt einen weiteren Zeitzeugen, den nicht näher bekannten
Parteigenossen Frank, der am Tag
nach dem Attentat vom Reichssender München8 interviewt wurde. Er sagte:
Die Führerrede war etwa 20 Minuten vorbei und der Saal hatte sich zum größten Teil schon geleert.
Es waren vielleicht noch etwa hundert von den alten Kämpfern noch im Saal. Ich wollte den Saal soeben verlassen.
Ich war vielleicht noch einen Meter von der Ausgangstüre weg, als plötzlich in der Höhe im Saal ein Lichtschein
erschien. Im selben Moment bekam ich von hinten einen starken Schub, eigentlich keinen Stoß,
sondern wie wenn man stark geschoben würde, und habe mich im nächsten Moment ein paar Meter weiter in
der Rückwand zum Ausgang wiedervorgefunden.
Diese Angabe von etwa hundert Menschen kann weiter präzisiert werden, weil Frank später in dem Interview sagt, dass
etwa fünfzig Personen unverletzt geblieben waren und bei den Bergungsarbeiten mitwirkten.
Wir wissen aus der damaligen Münchener Presse, dass es acht Tote (von denen einer erst ein paar Tage später starb),
27 stationär behandelte Verletzte (15 davon schwer) und 30 ambulant behandelte Verletzte gab.9
Diese in den
Münchner Neuesten Nachrichten vom 10.11.1939
in Verbindung mit dem
Illustrierten Beobachter vom 23.11.1939
insgesamt 65 genannten Opfer erscheinen eine zuverlässigere Angabe zu sein,
als die sonst immer in den Elser-Biografien genannten "8 Toten und 63 Verletzten, davon 16 schwer".
Addiert man diesen 65 Opfern die etwa fünfzig laut Frank Unverletzten hinzu, kommt man auf die von Haasis genannten
rund hundertzwanzig Personen: 65 + 50 = 115.
Die Angabe von Maria Strobl von "etwa hundertfünfzig Männern" liegt nicht weit davon entfernt. Die
von Steinbach/Tuchel ohne Unterstützung von Quellen genannte Anzahl von zweihundert Menschen liegt demnach wahrscheinlich
zu hoch.
Dabei ist zu beachten, dass viele der in Mitleidenschaft gezogenen gar keine Kundgebungsteilnehmer im eigentlichen Sinne
waren. Unter den 35 Toten und stationär behandelten Opfern waren beispielsweise:
1 Aushilfkellnerin
5 Kassierinnen
4 Techniker für Auf/Abbau vom Reichsautozug
1 Rundfunkingenieur
1 Tontechniker (Mikrofonschutz)
1 Elektriker
4 Personen, die sich erst nach der Veranstaltung den Saal angesehen haben
Weiterhin fallen unter den stationär behandelten Opfern auf:
1 Musikstudent
1 Gymnastiklehrerin
Dies bedeutet nicht, dass die restlichen Opfer sozusagen Freiwild waren, die nach Belieben umgebracht oder verletzt
werden durften.
Die Frage, wo sich eigentlich der Verursacher dieses Blutbads zum Zeitpunkt der Explosion befand, ist sicherlich
angebracht. Elser wollte durch seine Flucht in die Schweiz nach geglückter Platzierung der Bombe jegliche weiteren
negativen Folgen für sich selbst vermeiden.
Auf Grund dilettantischer Fluchtplanung war er allerdings schon vor der Explosion in Konstanz an der Grenze festgenommen
worden.
Hätte er nicht besser in München sein sollen, um mit einem Bombenalarm vor seinem durch Hitlers Abwesenheit
sinnlos gewordenen Attentat zu warnen und den Saal evakuieren zu lassen - auch wenn er sich damit letztlich der
Gestapo ausgeliefert hätte? Treffender als Lothar Fritze10 kann man dies kaum bewerten:
Die Forderung, uns (als Täter) notfalls selbst zu opfern, wenn es dadurch möglich wird, Unschuldige
zu schonen, ergibt sich daraus, dass wir nicht begründen können, warum es uns erlaubt sein sollte, das, was
wir nicht auch und zuallerletzt uns selbst zumuten, anderen Menschen zuzumuten.
Wie hoch war die Quote der Toten und Verletzten?
Der Mittelwert der beiden glaubwürdigen Angaben der zum Zeitpunkt der Explosion Anwesenden ist
hundertfünfunddreißig: (120 + 150) / 2 = 135. Legen wir diese Zahl zu Grunde, dann haben
rund 6 % (8 von 135) der Anwesenden das Attentat nicht überlebt. 42 % (57 von 135) wurden verletzt,
davon 11 % (15 von 135) schwer.
Quote der Toten und Verletzten von Georg Elsers Bombe im Bürgerbräukeller (Basis: 135 Anwesende)
Selbstverständlich ergeben sich je nachdem, ob man mit hundertzwanzig oder hundertfünfzig Anwesenden rechnet,
entweder noch schlimmere oder auch etwas günstigere Prozentangaben. Daher sind die errechneten Quoten lediglich als
Anhaltspunkt zu verstehen. An Effizienz hat es Georg Elsers Zeitbombe jedenfalls nicht gefehlt.
Den Begriff "leichtverletzt" sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, da auch sogenannte Leichtverletzte
teilweise ihr Leben lang unter den Folgen gelitten haben. Zu diesen bemitleidenswerten Menschen gehörte beispielsweise die
bereits genannte Kellnerin Maria Strobl, die zwanzig Jahre später klagte:
Man gibt mir immer wieder Spritzen. Aber die helfen auch nicht. Man hat es schon oft probiert. Das Dröhnen bleibt.
Es wird mich immer an diese schrecklichen Minuten von damals erinnern. Solange ich lebe. Die Ärzte glauben
auch nicht mehr daran, dass es in meinem Kopf jemals wieder still werden wird.
Die Detonation der Bombe hatte mein Trommelfell zerstört. Meine linke Kopfseite dröhnt seither wie ein
Express im Tunnel. Und am Sonntag, am 8. November, sind es genau 20 Jahre, dass dieses Dröhnen begann.
Ich werde an diesem Abend wieder weinen. Weinen um meine Gesundheit, die ich beim Hitler-Attentat im
Bürgerbräu-Keller unschuldig verloren habe.
Es ist noch anzumerken, dass sich bisher kein einziger Historiker mit folgenden Fragen, die sich eigentlich
aufdrängen, beschäftigt hat:
Wie war es technisch möglich, dass innerhalb von nur dreizehn Minuten so viele Menschen einen Saal
verlassen hatten, dass nur noch zwischen hundertzwanzig und hundertfünfzig Personen übrig blieben?
Spricht das dafür, dass es ursprünglich deutlich weniger als dreitausend gewesen sein mussten?
Warum sind über neunzig Prozent der Anwesenden Hals über Kopf aus dem Saal gestürzt? Wollten sie
dabei sein, als Hitler in der Rosenheimer Straße in sein Auto stieg, um ihm einen ehrenvollen Abschied zu geben?
Wenn sie hinausströmten, bevor die Kellnerinnen abkassieren konnte: Hatten sie die Absicht, später
wieder in den Saal zurückzukommen, um den Rest des Abends ohne ihren Führer weiter zu feiern?
Vielleicht war es Glück im Unglück, dass sich zum Zeitpunkt der Explosion
nicht erneut tausendfünfhundert, zweitausend oder noch mehr Menschen im Saal aufgehalten haben, die
nach Hitlers Abfahrt womöglich wieder zurückgekehrt waren.
Welche prominenten Nazis wären zusammen mit Hitler umgekommen?
Georg Elser wollte laut seinen
Aussagen bei der Gestapo11 nicht
nur Hitler, sondern "die augenblickliche Führung" beseitigen.
"Unter der Führung verstand ich die 'Obersten', ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels." Wie weit
hätte er dieses Ziel erfüllt oder gar übererfüllt, wenn er seinen Zeitzünder auf ein paar
Minuten früher eingestellt hätte?
Auch hier gibt es widersprüchliche Aussagen der Historiker.
Als ein Beispiel soll Hans Bernd Gisevius12 genannt werden. Er war einer der Männer des frühen
Widerstands und schrieb in seinen
Memoiren, dass er am 9. November 1939
für seine Mitverschwörer eine Ausarbeitung erstellt habe:
Ich schreibe so etwas wie eine kleine kriminalistische Studie über den Münchener Anschlag - soweit
das bei den spärlichen Presseberichten möglich ist. Dabei stelle ich drei Tatsachen in den Vordergrund.
Erstens haben Himmler und Göring in der fraglichen Versammlung gefehlt. Sonst waren sie bei dieser
"historischen" Kundgebung stets zugegen.
Hitler hatte Hermann Göring bei Kriegsausbruch zu seinem Nachfolger bestimmt. Wohl aus Sicherheitsgründen
war Göring, der zu den Mitstreitern des Hitler-Ludendorff-Putschs von 1923 gehörte, auf Fotos und Filmen
von Gedenkfeiern früherer Jahre auch tatsächlich zu sehen ist und eigentlich auch 1939 im Bürgerbräukeller einen
Ehrenplatz hätte haben müssen, tatsächlich nicht anwesend.
Bezüglich Heinrich Himmler hat sich Gisevius aber geirrt.
Die Ermittlung der tatsächlich anwesenden Nazigrößen ist relativ einfach. Im
Völkischen Beobachter von 22. November 1939
erschien ein Bild von der Versammlung, auf dem die Parteiprominenz auf den vorderen Plätzen zu erkennen ist. Andere
Zeitungen brachten Bilder mit noch ausführlicheren Namenslisten.13 Daraus ergibt sich die Anwesenheit von:
Amman, Max
Präsident der Reichspressekammer
Bormann, Martin
Chef der Parteikanzlei
Brückner, Wilhelm
Chefadjudant Hitlers
Epp, Franz Xaver Ritter von
Reichsstatthalter in Bayern
Fiehler, Karl
Chef des NSPAD-Hauptamtes für Kommunalpolitik
Frick, Wilhelm
Reichsinnenminister
Goebbels, Joseph
Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda
Graf, Ulrich
Mitglied des Reichstags
Heß, Rudolf
Stellvertreter des Führers
Hierl, Konstantin
Reichsarbeitsführer
Himmler, Heinrich
Reichsführer SS
Hitler, Adolf
Staatschef, NSDAP-Vorsitzender
Hoffmann, Heinrich
Hitlers Fotograf
Hühnlein, Adolf
Führer des NSKK
Kriebel, Hermann
Militärischer Führer des Putsches von 1923
Ley, Robert
Leiter der deutschen Arbeitsfront
Rosenberg, Alfred
Reichsleiter der NSDAP, Reichsminister
Schaub, Julius
Adjudant Hitlers
Schmundt, Rudolf
Militärischer Chefadjudant Hitlers
Todt, Fitz
Generalbevollmächtigter für die Bauwirtschaft
Wagner, Adolf
Gauleiter von München-Oberbayern
Weber, Christian
SS-Brigadeführer, Begrüßungsrede
Weber, Friedrich
Reichstierärzteführer
Wolff, Karl
Chef des Persönlichen Stabes Reichsführer SS
Darüberhinaus werden von dem dem bereits zitierten Peter Hoffmann folgende prominente Anwesende genannt (S. 108):
Bouhler, Philipp
Leiter der Führerkanzlei
Dietrich, Sepp
Befehlshaber der Leibstandarte Hitler
Frank, Hans
Generalgouverneur des besetzten Polen
Ribbentrop, Joachim von
Reichsaußenminister
Streicher, Julius
Herausgeber "Der Stürmer"
Hätte das Attentat funktioniert, wäre das Deutsche Reich Anfang November 1939 u.a. ohne Regierungschef, ohne
Vorsitzenden und Stellvertretenden Vorsitzenden der NSDAP als der einzigen politischen Partei,
ohne wichtige Reichsminister und ohne Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei dagestanden.
Davon kann man fest ausgehen, weil die NS-Prominenz nahe bei Hitler in der unmittelbaren Todeszone platziert war.
Doch das wären nicht die einzigen gewesen, die ihr Leben gelassen hätten.
Wie hoch wäre der Kollateralschaden bei Elsers Attentat gewesen?
Unter Kollateralschaden (engl.: collateral damage; lat.: collateralis seitlich, benachbart) versteht man
Schäden, die in der Umgebung eines militärischen Ziels durch ungenauen oder überdimensionierten
Waffeneinsatz entstehen.
Georg Elser hat bei seinem zivilen Vorhaben mit dem Ziel, Hitler, Göring und Goebbels zu beseitigen, einen
bemerkenswert hohen Kollateralschaden in Kauf genommen.
Elser
am 21.11.1939 bei der Gestapo14:
Die Säule habe ich mir deshalb gewählt, weil die bei einer Explosion umherfliegenden Stücke die Leute am und um das Rednerpult
treffen mussten. Außerdem dachte ich auch schon daran, dass vielleicht die Decke einstürzen könnte. Welche
Personen allerdings um das Rednerpult bei der Veranstaltung sitzen, wusste ich nicht. Ich wusste aber, dass
Hitler spricht und nahm an, dass in seiner nächsten Nähe die Führung sitze.
Göring wäre ihm entkommen, aber gemeinsam mit Hitler, Himmler, Goebbels und
einigen anderen hochgestellten Repräsentanten des NS-Regimes wären von Elsers Bombe mit ziemlicher
Sicherheit über hundert weitere Menschen in den Tod geschickt worden.
Ausgehend von dem Intervall von eintausendfünfhundert bis dreitausend Personen, das uns die Historiker anbieten,
gehen wir im Einklang mit Steinbach/Tuchel und Renz in einer Modellrechnung von zweitausend Personen aus. Rein rechnerisch
ergeben sich bei den oben ermittelten Quoten folgende Zahlen:
440 Leichtverletzte (22 % von 2000)
180 Weniger schwer Verletzte (9 % von 2000)
220 Schwerverletzte (11 % von 2000)
120 Tote (6 % von 2000)
Während bei diesen rein theoretisch ermittelten Zahlen die Anzahl der Leichtverletzten sehr hoch erscheint,
lohnt sich eine genauere Prüfung der errechneten 120 Toten.
Die Bombe tickte auf der Galerie im Pfeiler direkt über Hitler oberhalb des Hakenkreuzes.
Die Haupt-Todeszone war unten im Saal ein Halbkreis von einigen, sicher mehr als fünf Metern um die Fahne.
Auch die Menschen oben auf der Tribüne rechts uns links von der Fahne hätten kaum eine
Überlebenschance gehabt. Quelle:
Illustrierter Beobachter vom 16.11.1939
Nach der Explosion. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Hitler steht auf dem oberen Foto am weißen Rednerpult unmittelbar vor dem Pfeiler, in dem hinter der Fahne
oberhalb des Hakenkreuzes Elsers Bombe tickt. In dem Bereich hinter, neben, vor und oberhalb von Hitler gab es kaum eine
Chance zum Überleben.
Die meisten der dicht gedrängten zahlreichen Personen oben auf der Tribüne hätten durch den zerborstenen Pfeiler,
die eingestürzte
Mauer und die heruntergebrochene Saaldecke ihr Leben verloren. Dasselbe gilt für die Personen in einem Kreis
mit einem Radius von mehreren Metern um Hitler unten im Raum. Die oben errechneten hundertzwanzig Toten erscheinen,
wenn man die obigen Bilder analysiert und Köpfe zählt, leider als realistisch.
Die folgenden Bilder wurden 1987 in einer Broschüre von Ulrike Albrecht15 veröffentlicht. Sie zeigen Hitler
im Bürgerbräukeller, aber nicht im Jahr 1939, wie die Autorin annahm. Es fehlt das weiße Rednerpult.
Dies ändert aber nichts an ihrer Aussagekraft, was die dicht gedrängte Menge im Saal und auf der Tribüne angeht.
Hitler im Bürgerbräukeller. Das weiße Rednerpult von 1939 fehlt. Auf dem unteren Bild
sieht man im Vordergrund links zweifelsfrei einen Biertisch mit Maßkrügen. Quelle: Ulrike Albrecht
Vor diesem dramatischen Hintergrund erübrigt es sich, auch noch über die Zahl der Verletzten
differenzierte Schätzungen abzugeben: Einige hundert wären es, nicht zuletzt unter Berücksichtigung
der in dieser dichtgedrängten Menschenmenge unvermeidbaren Panik, mit Sicherheit gewesen.
Das Bürgerbräuattentat war das mit Abstand blutigste derartige Unternehmen, das bis zu diesem Zeitpunkt
jemals von einer zivilen Einzelperson durchgeführt worden war.
Selbst nachdem sich im Verhältnis zu den ursprünglich mehreren tausend Menschen ein nur noch winziger
Bruchteil im Saal befand, verletzte oder tötete Elser fast jeden zweiten von ihnen. Wie weit
unkritische Elser-Verehrung gehen kann, zeigen Steinbach/Tuchel in ihrer bereits zitierten Elser-Biographie, die dem
Bombenleger wohlwollend attestieren:
"Auch das Vermeiden unschuldiger Opfer war von Elser mit bedacht worden." (S. 54)
Wie kam dieses Attentat bei der deutschen Bevölkerung an?
Auf die überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die Hitler im Jahre 1939 auf Grund seiner
unstrittigen politischen Erfolge noch für einen der größten, wenn nicht sogar
den größten Deutschen aller Zeiten hielten, wirkte dieses Attentat wie ein Schock.
Heute denkt man nur ungern oder am liebsten gar nicht über die
blutigen Aspekte des Elser-Attentats nach. Aber vor siebzig Jahren haben sich die Menschen noch deutlich ausgemalt,
welches Massensterben sich an diesem Abend in dem aus damaliger Mehrheitssicht ungünstigsten Fall abgespielt hätte.
Es gab schon immer Attentate auf führende Politiker. Eines von ihnen war sogar in gewisser Weise Auslöser
des Ersten Weltkriegs.
Aber noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatte eine Einzelperson in einem Versammlungsraum, in dem
sich mehrere tausend Menschen aufhielten, mit einem Zeitzünder und einer massiven Ladung Dynamit das Dach zum Einsturz
gebracht. Und ein bis dahin unvorstellbares Blutbad in Kauf genommen, um die Führung eines Staates zu beseitigen,
dessen Bürger - gefördert auch durch entsprechende Propaganda - die Politik dieser
Regierung mit großer Mehrheit bejahten und das Staatsoberhaupt geradezu vergötterten.
Elsers Ziel war nur über einen Berg von Toten und Verletzten erreichbar
Wer Georg Elsers Tat befürwortet oder Elser gar als Vorbild darstellt, wie vereinzelt geschehen16, muss konsequenter
Weise auch gutheißen, dass Elsers Ziel nur über einen Berg von Toten und Verletzten erreichbar gewesen
wäre.
Da das ehrliche Eingeständnis dieser nicht zu bestreitenden Tatsache schwer fällt, ist es nicht verwunderlich,
dass diese fatale Quintessenz aus dem Bürgerbräuattentat heutzutage üblicher Weise entweder bewusst
verschwiegen oder unbewusst verdrängt wird17.
Kein einziger Elser-Biograf hat es übrigens für nötig gehalten, wenigstens die
Namen der Toten und Verletzten
zu nennen, die dem gescheiterten Attentat zum Opfer fielen, obwohl dieses sinnlose Leid mit etwas mehr
Verantwortungsbewusstsein für ein derart aus dem Rahmen fallendes Vorhaben durchaus
hätte verhindert werden können.
Gilt es mittlerweile bereits als Sakrileg, auch über diese dunklen Aspekte des Elser-Attentats laut nachzudenken?
1
Guido Knopp: Sie wollten Hitler töten, München 2005, S. 13. Knopps
Koautor des Aufsatzes über Georg Elser war Alexander Berkel.
2
Hellmut G. Haasis: Den Hitler jag' ich in die Luft, Berlin 1999, S. 7
3
Peter Steinbach/Johannes Tuchel: Georg Elser, Berlin 2008, S. 52
4
Ulrich Renz : Georg Elser. Ein Meister der Tat, Leinfelden-Echterdingen 2009, S. 56
5
Helmut Ortner: Der Attentäter, Tübingen 1989, S. 19
6
Peter Hoffmann: Hitler's Personal Security, Cambridge 1979, S. 108
Lothar Fritze, Der Ehre zuviel - Eine moralphilosophische Betrachtung zum Hitler-Attentat von Georg Elser, in: Uwe
Backes/Eckhard Jesse (Hrsg.), Extremismus & Demokratie, Baden-Baden 2000, S. 110 f
Ulrike Albrecht: Das Attentat, München 1987, S. 42, S. 51, Bildunterschrift S. 54. Erstaunlicher Weise
findet sich in diesem Band kein einziges Foto, auf dem das weiße Rednerpult von 1939 abgebildet ist.
16
Ein Beispiel ist der Titel des Sammelbandes von Achim Rogoss u.a. (Hrsg.),
Georg Elser - ein Attentäter als Vorbild, Bremen 2006.