Teil 1: Die unmittelbaren Auswirkungen im Bürgerbräukeller
Durch die Druckwelle der Explosion war der Pfeiler zerrissen worden, und im Bereich der Rednerbühne
was die gesamte Deckenkonstruktion krachend auf das Pult sowie auf die umliegenden Stuhlreihen und
Biertische gestürzt. Tonnenschwer war die Last von Mauerwerk, Dachträgern und Holzbalken, die drei
Menschen sofort erschlug und Dutzende unter sich begrub; fünf von ihnen starben nach der Einlieferung
in die Krankenhäuser, 63 Verletzte waren zu beklagen. Die Zahl der Opfer blieb nur deshalb so
verhältnismäßig gering, weil der Saal sich nach der Hitler-Rede schnell geleert hatte.1
VON PETER KOBLANK
Weder Guido Knopp, von dem diese Darstellung des Bürgerbräu-Attentats stammt, noch irgendein anderer Historiker hat
bisher über diese "so verhältnismäßig geringe" Zahl der Opfer
dieses Bombenanschlags auf Adolf Hitler am 8. November 1939 genauer nachgedacht. Warum "nur" acht Tote?
Waren nicht wenige Minuten vor der Detonation von Georg Elsers Zeitbombe noch zweitausend Menschen im Saal?
Oder gar dreitausend?
Wie viele Personen während der Hitler-Rede im Saal?
Bei der Anzahl der Anwesenden nennen uns die drei Elser-Biografen sehr unterschiedliche Zahlen. Bei Helmut Ortner
(1989)2 sind es dreitausend, bei Hellmut G. Haasis (1999)3 sind es eintausendfünfhundert,
bei Peter Steinbach/Johannes Tuchel (2008)4 ist von rund zweitausend Teilnehmern die Rede. Die Zahl
dreitausend finden wir bereits bei Peter Hoffmann (1979)5, von dem Ortner sie wohl übernommen hat.
Bürgerbräukeller mit Tischen und Stühlen. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Bei einer Bestuhlung wie auf obigem Bild - sechs Stühle pro Tisch - hätten kaum mehr als fünfzehnhundert
Personen in den Bierkeller gepasst. Es gibt aber eine Reihe von Fotos vom 8. November 1939, die zeigen, wie
dichtgedrängt die Teilnehmer der Gedenkfeier unten im Saal und oben auf der Galerie beieinander saßen.
Von Biertischen ist in dieser Enge nicht viel zu sehen, auch wenn sie von Augenzeugen erwähnt wurden:
Dichtgedrängtes Publikum im Bürgerbräukeller. Quelle: Ulrike Albrecht
Adolf Hitler spricht im Bürgerbräukeller. Am 8. November 1939 tickt im
Pfeiler hinter der Fahne oberhalb des Hakenkreuzes Georg Elsers Bombe. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Wie viele Personen - eintausendfünfhundert, zweitausend oder gar dreitausend - bei Hitlers Rede tatsächlich
anwesend waren, ist bis heute nicht geklärt. Keiner der zitierten Historiker hat seine Version oder Quellen belegt.
Wie viele Personen waren zum Zeitpunkt der Bomben-Explosion im Saal?
Wie viele Menschen befanden im Saal, als dreizehn Minuten nach Hitlers unerwartet frühzeitigem Abgang
Elsers Bombe explodierte? Guido Knopp lässt sich dazu nicht näher aus.
Ortner (S. 34) schreibt: "Die meisten begeben sich jetzt zu den Ausgängen.
Nur die 'alten Kämpfer' bleiben noch beim Bier unter sich." Wie viele alte Kämpfer waren das?
Wir werden weiter unten eine Reihe prominenter alter Kämpfer, die am Hitler-Ludendorff-Putsch im Jahre
1923 teilgenommen hatten und nachweislich im Saal saßen, kennenlernen. Keiner von ihnen
war unter den Toten.
Haasis (S. 30) wird konkreter: "Der Saal leerte sich schnell, Hitler war ja weg, es blieben nur
120 Personen, darunter viele Musiker und technische Helfer."
Bei Steinbach/Tuchel (S. 52) sind es "etwa 200 Menschen".
Günter Peis6 hat bereits 1959 in einer spektakulären, groß aufgemachten
8-teiligen Serie in der "Bild am Sonntag"
eine seriöse investigativ-journalistische Arbeit vorgelegt, die sich weitestgehend mit dem heutigen Stand der
Elser-Forschung deckt. Er spürte eine Zeitzeugin auf, die von "etwa 150 Männern" sprach. Die
Bürgerbräu-Kellnerin Maria Strobl berichtete:
Gleich nach dem Horst-Wessel-Lied ist der Führer mit seinen engsten Mitarbeitern gegangen. Er hat den Saal
direkt durch den Haupteingang verlassen. Sein Auto wartete bereits vor unserem Portal an der Rosenheimer Straße.
Die meisten Tische im großen Saal hatten sich geleert. Auch auf der Galerie war kaum noch jemand. Insgesamt blieben
etwa 150 Männer im Saal. Sie hatten sich in kleineren Gruppen zusammengesetzt und diskutierten die Rede Adolf Hitlers.
Sie tranken auch noch was und redeten wie der Goebbels persönlich.
Die Herren verließen mit dem Hitler den Saal so plötzlich, dass ich gar nicht mehr kassieren konnte. Ich
musste nach den ganzen Aufregungen dieses 8. November noch neunmal in das "Braune Haus" in der Briennerstraße, bis ich
mein Geld bekam. Nie war jemand da, der bezahlen wollte. Schließlich hat Herr Niepold - das war ein
früherer Gauleiter - mir das Geld für sich und seine Kameraden gegeben.
Es gibt einen weiteren Zeitzeugen, den nicht näher bekannten
Parteigenossen Frank, der am Tag
nach dem Attentat vom Reichssender München7 interviewt wurde. Er sagte:
Die Führerrede war etwa 20 Minuten vorbei und der Saal hatte sich zum größten Teil schon geleert.
Es waren vielleicht noch etwa hundert von den alten Kämpfern noch im Saal. Ich wollte den Saal soeben verlassen.
Ich war vielleicht noch einen Meter von der Ausgangstüre weg, als plötzlich in der Höhe im Saal ein Lichtschein
erschien. Im selben Moment bekam ich von hinten einen starken Schub, eigentlich keinen Stoß,
sondern wie wenn man stark geschoben würde, und habe mich im nächsten Moment ein paar Meter weiter in
der Rückwand zum Ausgang wiedervorgefunden.
Diese Angabe von etwa hundert Menschen kann weiter präzisiert werden, weil Frank später in dem Interview sagt, dass
etwa fünfzig Personen unverletzt geblieben waren und bei den Bergungsarbeiten mitwirkten.
Wir wissen aus der damaligen Presse, dass es acht Tote und dreiundsechzig Verletzte gab. Addiert man die etwa fünfzig
laut Frank Unverletzten hinzu, kommt man auf die von Haasis genannten rund hundertzwanzig Personen: 8 + 63 + 50 = 121.
Die Angabe von Maria Strobl von "etwa hundertfünfzig Männern" liegt nicht weit davon entfernt. Die
von Steinbach/Tuchel ohne Unterstützung von Quellen genannte Anzahl von zweihundert Menschen liegt demnach zu hoch.
Wie hoch war die Quote der Toten und Verletzten?
Der Mittelwert der beiden glaubwürdigen Angaben ist hundertfünfunddreißig: (120 + 150) / 2 = 135.
Legen wir diese Zahl zu Grunde, dann haben 6 % (8 von 135) der Anwesenden das Attentat nicht überlebt.
47 % (63 von 135) wurden verletzt, davon 12 % (16 von 135) schwer.
Quote der Toten und Verletzten von Georg Elsers Bombe im Bürgerbräukeller
Selbstverständlich ergeben sich je nachdem, ob man mit hundertzwanzig oder hundertfünfzig Anwesenden rechnet,
entweder noch schlimmere oder auch etwas günstigere Prozentangaben. Daher sind die errechneten Quoten lediglich als
Anhaltspunkt zu verstehen. An Effizienz hat es Georg Elsers Zeitbombe jedenfalls nicht gefehlt.
Manche dieser Verletzten haben ihr Leben lang unter den Folgen gelitten. Zu denen gehörte auch Maria Strobl, die
zwanzig Jahre später klagte:
Man gibt mir immer wieder Spritzen. Aber die helfen auch nicht. Man hat es schon oft probiert. Das Dröhnen bleibt.
Es wird mich immer an diese schrecklichen Minuten von damals erinnern. Solange ich lebe. Die Ärzte glauben
auch nicht mehr daran, dass es in meinem Kopf jemals wieder still werden wird.
Die Detonation der Bombe hatte mein Trommelfell zerstört. Meine linke Kopfseite dröhnt seither wie ein
Express im Tunnel. Und am Sonntag, am 8. November, sind es genau 20 Jahre, dass dieses Dröhnen begann.
Ich werde an diesem Abend wieder weinen. Weinen um meine Gesundheit, die ich beim Hitler-Attentat im
Bürgerbräu-Keller unschuldig verloren habe.
Es ist noch anzumerken, dass sich bisher kein einziger Historiker mit folgenden Fragen, die sich eigentlich
aufdrängen, beschäftigt hat:
Wie war es technisch möglich, dass innerhalb von nur dreizehn Minuten so viele Menschen einen Saal
verlassen hatten, dass nur noch zwischen hundertzwanzig und hundertfünfzig Personen übrig blieben?
Spricht das dafür, dass es ursprünglich deutlich weniger als dreitausend gewesen sein mussten?
Warum sind über neunzig Prozent der Anwesenden Hals über Kopf aus dem Saal gestürzt? Wollten sie
dabei sein, als Hitler in der Rosenheimer Straße in sein Auto stieg, um ihm einen ehrenvollen Abschied zu geben?
Wenn sie hinausströmten, bevor die Kellnerinnen abkassieren konnte: Hatten sie die Absicht, später
wieder in den Saal zurückzukommen, um den Rest des Abends ohne ihren Führer weiter zu feiern?
Vielleicht war es Glück im Unglück, dass sich zum Zeitpunkt der Explosion
nicht erneut tausendfünfhundert, zweitausend oder noch mehr Menschen im Saal aufgehalten haben, die
nach Hitlers Abfahrt womöglich wieder zurückgekehrt waren.
Welche prominenten Nazis wären zusammen mit Hitler umgekommen?
Georg Elser wollte laut seinen
Aussagen bei der Gestapo8 nicht
nur Hitler, sondern "die augenblickliche Führung" beseitigen.
"Unter der Führung verstand ich die 'Obersten', ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels." Wie weit
hätte er dieses Ziel erfüllt oder gar übererfüllt, wenn er seinen Zeitzünder auf ein paar
Minuten früher eingestellt hätte?
Auch hier gibt es widersprüchliche Aussagen der Historiker.
Laut Haasis (S. 9) fehlten "von der obersten Führungstage" nur Göring und Himmler. Dass mit Ausnahme
der beiden tatsächlich alle, die im Dritten Reich das Sagen hatten, anwesend waren, ist eher unwahrscheinlich.
Hitler hatte Hermann Göring bei Kriegsausbruch zu seinem Nachfolger bestimmt. Wohl aus Sicherheitsgründen
war Göring, der zu den Mitstreitern des Hitler-Ludendorff-Putschs von 1923 gehörte und eigentlich im
Bürgerbräukeller einen Ehrenplatz hätte haben müssen, tatsächlich nicht anwesend.
Haasis wird die These, dass auch Heinrich Himmler gefehlt habe, von Hans Bernd Gisevius9 übernommen haben.
Gisevius war einer der Männer des frühen Widerstands und schrieb in seinen
Memoiren, dass er am 9. November 1939
für seine Mitverschwörer eine Ausarbeitung erstellt habe:
Ich schreibe so etwas wie eine kleine kriminalistische Studie über den Münchener Anschlag - soweit
das bei den spärlichen Presseberichten möglich ist. Dabei stelle ich drei Tatsachen in den Vordergrund.
Erstens haben Himmler und Göring in der fraglichen Versammlung gefehlt. Sonst waren sie bei dieser
"historischen" Kundgebung stets zugegen.
Gisevius scheint sich aber geirrt zu haben: Günter Peis veröffentlichte 1959 in seiner bereits erwähnten
BamS-Reportage ein Foto aus dem Bürgerbräukeller, auf dem er verschiedene prominente Nazis identifizierte,
darunter auch Heinrich Himmler10.
Unstrittig ist auf Grund seiner Tagebücher die Anwesenheit von Joseph Goebbels11.
Auch Alfred Rosenberg war am 9. November 1939 dabei, wie aus einem bei Haasis (S. 34 ff) zitierten Augenzeugenbericht
von Wilhelm Kaffl, Hauptschriftleiter der NS-Wochenschrift "Die Post" hervorgeht.
Hannoverscher Kurier 9.11.1939 (DNB-Meldung)
Steinbach/Tuchel nennen neben Christian Weber lediglich die alten Kämpfer Wilhelm Brückner, Ulrich Graf, Rudolf Heß
und Julius Schaub. Das sind abgesehen von Heß keine Personen, die im Dritten Reich viel zu sagen hatten.
Die Quelle für diese Namen lässt sich leicht rekonstruieren: Sie stammen aus einer Meldung
der Deutsches Nachrichtenbüro GmbH (DNB), der offiziellen, zentralen Presseagentur des Dritten Reichs,
vom 8. November 1939, die am nächsten Tag in fast allen Zeitungen erschien.
Wenngleich die Angaben über die anwesenden Prominenten sowohl bei Steinbach/Tuchel, als auch bei Guido Knopp etwas
spärlich sind, so lassen sie sich, ebenso wie die von Günter Peis immerhin belegen. Weitere, allerdings mit keinerlei Quellen hinterlegte Nennungen
von Personen finden sich bei dem bereits zitierten Peter Hoffmann sowie bei Karl-Heinz Knorr12.
Fett dargestellte Namen sind alte Kämpfer im engeren Sinne, also Teilnehmer des Hitler-Ludendorff-Putsches
von 1923, zu dessen Gedenken die Veranstaltung am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller stattfand.
Blau dargestellt sind Personen, deren
Anwesenheit mit Quellen belegt ist. Keine einzige der
Personen in dieser Tabelle fiel dem Attentat zum Opfer.
Hätte das Attentat jedoch funktioniert, wäre das Deutsche Reich Anfang November 1939 u.a. ohne Regierungschef, ohne
Vorsitzenden und Stellvertretenden Vorsitzenden der NSDAP als der einzigen politischen Partei,
ohne Reichsminister des Inneren, ohne Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und ohne Reichsführer
SS und Chef der Deutschen Polizei dagestanden.
Davon kann man fest ausgehen, weil die NS-Prominenz nahe bei Hitler in der unmittelbaren Todeszone platziert war.
Doch das wären nicht die einzigen gewesen, die ihr Leben gelassen hätten.
Wie hoch wäre der Kollateralschaden bei Elsers Attentat gewesen?
Unter Kollateralschaden (engl.: collateral damage; lat.: collateralis seitlich, benachbart) versteht man
Schäden, die in der Umgebung eines militärischen Ziels durch ungenauen oder überdimensionierten
Waffeneinsatz entstehen.
Georg Elser hat bei seinem zivilen Vorhaben mit dem Ziel, Hitler, Göring und Goebbels zu beseitigen, einen
bemerkenswert hohen Kollateralschaden in Kauf genommen.
Elser
am 21.9.1939 bei der Gestapo8:
Die Säule habe ich mir deshalb gewählt, weil die bei einer Explosion umherfliegenden Stücke die Leute am und um das Rednerpult
treffen mussten. Außerdem dachte ich auch schon daran, dass vielleicht die Decke einstürzen könnte. Welche
Personen allerdings um das Rednerpult bei der Veranstaltung sitzen, wusste ich nicht. Ich wusste aber, dass
Hitler spricht und nahm an, dass in seiner nächsten Nähe die Führung sitze.
Göring wäre ihm entkommen, aber gemeinsam mit Hitler, Goebbels und
einigen anderen hochgestellten Repräsentanten des NS-Regimes wären von Elsers Bombe mit ziemlicher
Sicherheit über hundert weitere Menschen in den Tod geschickt worden.
Ausgehend von dem Intervall von eintausendfünfhundert bis dreitausend Personen, das uns die Historiker anbieten,
gehen wir im Einklang mit Steinbach/Tuchel in einer Modellrechnung von zweitausend Personen aus. Rein rechnerisch
ergeben sich bei den oben ermittelten Quoten folgende Zahlen:
700 Leichtverletzte (35 % von 2000)
240 Schwerverletzte (12 % von 2000)
120 Tote (6 % von 2000)
Während bei diesen rein theoretisch ermittelten Zahlen die Anzahl der Leichtverletzten sehr hoch erscheint,
lohnt sich eine genauere Prüfung der errechneten 120 Toten.
Die Haupt-Todeszone beim Bürgerbräuattentat war unten im Saal
ein Halbkreis von einigen, sicher
mehr als fünf Metern um die Fahne.
Auch die Menschen oben auf der Tribüne rechts uns links von der
Fahne hätten kaum eine Überlebenschance gehabt. Quelle:
Illustrierter Beobachter vom 16.11.1939
Nach der Explosion. Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Hitler steht auf dem oberen Foto am weißen Rednerpult unmittelbar vor dem Pfeiler, in dem hinter der Fahne
oberhalb des Hakenkreuzes Elsers Bombe tickt. In dem Bereich hinter, neben, vor und oberhalb von Hitler gab es kaum eine
Chance zum Überleben.
Die meisten der dicht gedrängten zahlreichen Personen oben auf der Tribüne hätten durch den zerborstenen Pfeiler,
die eingestürzte
Mauer und die heruntergebrochene Saaldecke ihr Leben verloren. Dasselbe gilt für die Personen in einem Kreis
mit einem Radius von mehreren Metern um Hitler unten im Raum. Die oben errechneten hundertzwanzig Toten erscheinen,
wenn man die obigen Bilder analysiert und Köpfe zählt, leider als realistisch.
Die folgenden Bilder wurden 1987 in einer Broschüre von Ulrike Albrecht13 veröffentlicht. Sie zeigen Hitler
im Bürgerbräukeller, aber nicht im Jahr 1939, wie die Autorin annahm. Es fehlt das weiße Rednerpult.
Dies ändert aber nichts an ihrer Aussagekraft, was die dicht gedrängte Menge im Saal und auf der Tribüne angeht.
Hitler im Bürgerbräukeller. Das weiße Rednerpult von 1939 fehlt. Quelle: Ulrike Albrecht
Vor diesem dramatischen Hintergrund erübrigt es sich, auch noch über die Zahl der Verletzten
differenzierte Schätzungen abzugeben: Einige hundert wären es, nicht zuletzt unter Berücksichtigung
der in dieser engen Menschenmenge unvermeidbaren Panik, mit Sicherheit gewesen.
Wie kam dieses Attentat bei der deutschen Bevölkerung an?
Auf die überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die Hitler im Jahre 1939 auf Grund seiner
unstrittigen politischen Erfolge noch für einen der größten, wenn nicht den größten Deutschen
aller Zeiten hielten, wirkte dieses Attentat wie ein Schock.
Heute denkt man nur ungern oder am liebsten gar nicht über die
blutigen Aspekte des Elser-Attentats nach. Aber vor siebzig Jahren haben sich die Menschen noch deutlich ausgemalt,
welches Massensterben sich an diesem Abend in dem aus damaliger Mehrheitssicht ungünstigsten Fall abgespielt hätte.
Es gab schon immer Attentate auf führende Politiker. Eines von ihnen war sogar in gewisser Weise Auslöser
des Ersten Weltkriegs.
Aber noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatte eine Einzelperson in einem Versammlungsraum, in dem
sich mehrere tausend Menschen aufhielten, mit einem Zeitzünder und einer massiven Ladung Dynamit das Dach zum Einsturz
gebracht. Und ein bis dahin unvorstellbares Blutbad in Kauf genommen, um die Führung eines Staates zu beseitigen,
dessen Bürger - gefördert auch durch entsprechende Propaganda - die Politik dieser
Regierung mit großer Mehrheit bejahten und das Staatsoberhaupt geradezu vergötterten.
Elsers Ziel war nur über einen Berg von Toten und Verletzten erreichbar
Wer Georg Elsers Tat befürwortet oder Elser gar als Vorbild darstellt, wie vereinzelt geschehen14, muss konsequenter
Weise auch gutheißen, dass Elsers Ziel nur über einen Berg von Toten und Verletzten erreichbar gewesen
wäre.
Da das ehrliche Eingeständnis dieser nicht zu bestreitenden Tatsache schwer fällt, ist es nicht verwunderlich,
dass diese fatale Quintessenz aus dem Bürgerbräuattentat heutzutage üblicher Weise entweder bewusst
verschwiegen oder unbewusst verdrängt wird15.
Kein einziger Elser-Biograf hat es übrigens für nötig gehalten, wenigstens die
Namen der acht Menschen
zu nennen, deren Leben diesem gescheiterten Attentat zum Opfer fiel.
Gilt es mittlerweile bereits als Sakrileg, auch über diese dunklen Aspekte des Elser-Attentats laut nachzudenken?
1
Guido Knopp: Sie wollten Hitler töten, München 2005, S. 13. Knopps
Koautor des Aufsatzes über Georg Elser war Alexander Berkel.
2
Helmut Ortner: Der Attentäter, Tübingen 1989, S. 19
3
Hellmut G. Haasis: Den Hitler jag' ich in die Luft, Berlin 1999, S. 7
4
Peter Steinbach/Johannes Tuchel: Georg Elser, Berlin 2008, S. 52
5
Peter Hoffmann: Hitler's Personal Security, Cambridge 1979, S. 108
Hans Bernd Gisevius: Bis zum bittern Ende, Zürich 1954, S. 425 (Erstauflage 1946)
10
Günter Peis: Zieh' dich aus, Georg Elser!,
in: "Bild am Sonntag" 15.11.1959
Bedauerlicherweise ist die mikroverfilmte Version dieser Zeitungsseite im Archiv des Axel-Springer-Verlags
von so schlechter Qualität, dass Himmlers darauf nicht mit absoluter Sicherheit zu identifizieren
ist. Es gibt aber keinen Grund zur Annahme, dass Peis im Jahr 1959 in der
auflagenstärksten deutschen Sonntagszeitung
auf einem Foto eine falsche Person als Himmler markieren konnte. - Vielleicht wäre es aber eine
verdienstvolle Aufgabe, nach dem Original dieses Fotos zu forschen. Eindeutig erkennbar auf dem Foto ist
übrigens das 1939 aufgestellte weiße Rednerpult (siehe auch Fußnote 13).
Karl-Heinz Knorr: Die strategischen und handwerklichen Leistungen Elsers, in: Achim Rogoss u.a. (Hrsg.),
Georg Elser - ein Attentäter als Vorbild, Bremen 2006, S. 41
13
Ulrike Albrecht: Das Attentat, München 1987, S. 42, S. 51, Bildunterschrift S. 54. Erstaunlicher Weise
findet sich in diesem Band kein einziges Foto, auf dem das weiße Rednerpult von 1939 abgebildet ist.
14
Ein Beispiel ist der Titel des Sammelbandes von Achim Rogoss u.a. (Hrsg.),
Georg Elser - ein Attentäter als Vorbild, Bremen 2006.