Weltkrieg Serie:

Die Odyssee der "Ehren"-Häftlinge

Faustpfand. Knapp vor Ende des Krieges wurden "wertvolle" Sonder- und Sippenhäftlinge von den Nationalsozialisten quer durch das Deutsche Reich gekarrt – sie strandeten im Hotel Pragser Wildsee im Pustertal.
VON SUSANNE GURSCHLER

Hotel Pragser Wildsee   
Hotel Pragser Wildsee heute


Es sind ihre letzten Schritte in Freiheit, als sich die beiden britischen Offiziere auf den Weg machen. Richard H. Stevens und Sigismund Payne Best vom britischen "Secret Intelligence Service" (SIS) wollen sich wie vereinbart mit dem deutschen SS-Sturmbannführer Walter Schellenberg treffen. Treffpunkt ist ein Café bei Venlo, unmittelbar hinter der holländischen Grenze. Schellenberg soll in Besitz von brisantem Material sein: Deutsche Offiziere planen angeblich den Sturz Adolf Hitlers.

Als der Wagen der Engländer auf den Parkplatz des Cafés einfährt, prescht ein deutscher Jeep um die Ecke. Im gleichen Moment fallen die ersten Schüsse. Der niederländische Leutnant Dirk Klop, der die Briten begleitet hat, liefert sich mit dem gegnerischen Kommandoführer ein regelrechtes Pistolenduell. Doch die Deutschen sind in der Überzahl. "Ich sauste um die Hausecke in Richtung meines Wagens und sah noch im letzten Augenblick, wie Best und Stevens wie ein Bündel Heu aus ihrem Wagen gehoben wurden", erinnert sich Schellenberg später. Er hat die Briten für den deutschen Sicherheitsdienst (SD) in die Falle gelockt. Während Klop seinen Schussverletzungen erliegt, wird der Fahrer der beiden britischen Geheimdienstmitarbeiter später nach Holland abgeschoben.

Für Best und Stevens ist dieser 9. November 1939 allerdings der letzte Tag in Freiheit, denn sie sind "wertvoll" für die Nazis und fristen daher - wie unzählige andere - als so genannte "Ehrenhäftlinge" ihr Dasein in Sonderlagern. Kurz vor Ende des Krieges wird eine Gruppe prominenter KZ-Häftlinge quer durch das Deutsche Reich geschleppt und strandete schließlich im Südtiroler Pustertal - als letztes "Faustpfand" der Nazis gegen die vorrückenden Alliierten.

Sonderhaft. Zu diesen hochrangigen Geiseln gehören Politiker, Militärs, Geistliche und bekannte Persönlichkeiten aus 17 verschiedenen Nationen; italienische, britische, polnische und russische Offiziere ebenso wie französische Staatsmänner, Angehörige der Familie Stauffenberg oder der ehemalige österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg. Der bereits am 12. März 1938 inhaftierte Politiker kommt im Dezember 1941 unter dem Decknamen "Dr. Auster" (eine Anspielung auf Austria) ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Mehr als drei Jahre verbringt er dort im Sonderhaus 1, streng abgeschirmt von den übrigen Gefangenen. Seine Frau Vera ist ihm mit der gemeinsamen, erst wenige Monate alten Tochter "Sissy" freiwillig ins KZ gefolgt. "Ich erkläre mich bereit, jede Beschränkung meiner persönlichen Freiheit, so weit dies notwendig sein würde, auf mich zu nehmen und alle Konsequenzen zu tragen", schreibt sie in ihrem Ansuchen. Die SS räumt den Sonderhäftlingen allerdings besondere Rechte ein: So müssen sie - in der Regel - keine gestreifte Häftlingskleidung tragen, ihre Einzelzellen bleiben tagsüber geöffnet, sie müssen keine Zwangsarbeit verrichten und werden ausreichend mit Nahrung versorgt.

Neben dem KZ Sachsenhausen sind es vor allem die Lager Ravensbrück, Flossenbürg, Stutthof, Dachau und Buchenwald, in denen Sonderhäftlinge untergebracht werden. Zu ihnen gehören auch Juden, die entweder einflussreiche Verwandte im Ausland haben oder aus ihrer Heimat verschleppt wurden - so wie der ehemalige französische Ministerpräsident Léon Blum. Am 4. April 1943 wird der Politiker zusammen mit seinen Landsleuten Maurice-Gustave Gamelin (dem früheren Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte) und Édouard Daladier (dem ehemaligen Regierungschef) nach Buchenwald gebracht. Während für Letztere eine Internierung auf Schloss Itter bei Wörgl in Tirol vorgesehen ist, bleibt Blum im SS-Falkenhof in Buchenwald.

"Ich war in den Händen der Nazis, weil ich für sie mehr als ein politischer Franzose war, nämlich ein sozialistischer Demokrat und Jude. Die gleichen Gründe, die aus mir einen verabscheuungswürdigen Gegner machten, machten aus mir auch eine kostbare Geisel, da ich nicht nur beim französische Staat und seinen Verbündeten, sondern auch für den Sozialismus und die internationale Demokratie einen Austauschwert darstellte", wird Blum nach seiner Befreiung erklären. Die Zahl der "wertvollen" Häftlinge steigt weiter, als der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, beginnt, die so genannte "Sippenhaft" zu verhängen.

Unter den ersten Betroffenen sind die Angehörigen von Elisabeth und Erich Vermehren, der für das Amt Ausland-Abwehr des Oberkommandos Wehrmacht tätig war. Nachdem die beiden in der Türkei zu den Alliierten übergelaufen sind, werden ihre Eltern und Geschwister Mitte April 1944 verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager verbracht. Dann folgt am 20. Juli 1944 der Anschlag auf Hitler. Claus Schenk von Stauffenberg deponiert eine Bombe im Führerhauptquartier. Doch der Anschlag scheitert, die Verschwörer werden hingerichtet und die Familienangehörigen geraten ins Visier der SS. Binnen kürzester Zeit werden über 140 Verwandte und Freunde der Attentäter gefangen genommen und in Sonderlager gesteckt - darunter Angehörige der Familien Stauffenberg, von Hofacker und Goerdeler, der ehemalige Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und der Generaloberst Franz Halder mit Frau. Ein Teil der Sippenhäftlinge wird in das abgelegene Hotel "Hindenburg-Baude" bei Bad Reinerz in Schlesien gebracht. "Die Tage vergehen - Spaziergänge, Versuche jeder Art von Beschäftigung. Einmal waren wir unten im Dorf, kurz in der Kirche aber nicht weiter. Ein Antrag zum Besuch des Gottesdienstes, Beichtens, Kommunizieren, wird abgelehnt", notiert Marie-Gabriele Schenk Gräfin Stauffenberg in ihr Tagebuch. Doch dann ist plötzlich alles anders, und eine Odyssee mit unbestimmtem Ausgang beginnt.

Am 30. November 1944 werden die Internierten in einer Ho-Ruck-Aktion aus Bad Reinerz abtransportiert, weg von der Ostfront, weg von der anrückenden Roten Armee und den kampfbedrohten Gebieten weiter hinein ins Landesinnere. Über mehrere Stationen gelangen die Gefangenen nach Buchenwald. Als die Amerikaner immer näher kommen, werden die Sippen- und Sonderhäftlinge, darunter einige ungarische Häftlinge und das Ehepaar Blum, zusammengetrieben. Es geht weiter in Richtung Süden. Als das maßlos überfüllte KZ Flossenbürg den Konvoi abweist, werden die Gefangenen zunächst in einer Haftanstalt in Regensburg, dann in verschiedenen Gebäuden im bayrischen Schönberg untergebracht, bevor sie im April 1945 im KZ Dachau ankommen. Dachau ist zu diesem Zeitpunkt Sammelstelle für die Sonderhäftlinge, die aus den verschiedenen Konzentrationslagern von Mauthausen über Flossenbürg und Buchenwald zusammengezogen werden.

"Die Sippenhäftlinge bilden am 16. April den letzten aller Sammeltransporte nach Dachau, deren Gefangene für die Festung Alpen bestimmt sind. Das Räderwerk, das die SS mit ihren Geiseln in Gang gesetzt hat, beginnt nun immer schneller zu laufen", schreibt Hans-Günter Richardi in seinem Buch "SS-Geiseln in der Alpenfestung". Im Lager übernimmt der SS-Obersturmbannführer Edgar Stiller das Kommando über die "Ehrenhäftlinge". Sie ahnen nicht, dass auch Dachau nur eine weitere Etappe ihrer Reise mit ungewissem Ziel ist. Stiller hat Befehl, die Gruppe ins SS-Sonderlager des "Arbeitserziehungslagers Reichenau" in Innsbruck zu bringen. Rund eine Woche später sind alle nach Tirol überstellt. Die Situation im Lager ist katastrophal. Aus mit Stacheldraht vernagelten Fenstern blicken den Geiseln völlig entkräftete Kriegsgefangene entgegen. Es fehlt an Nahrung und Decken. "Müde und verstaubt kletterten wir aus dem Wagen. Armselige, schmutzige und flohreiche Baracken", erinnert sich der ehemalige Wiener Bürgermeister Richard Schmitz später. Die Stimmung der seit Monaten von Lager zu Lager gehetzten Sonderhäftlinge ist am Tiefpunkt. "Manche rechnen schon mit einem Genickschuss", schreibt etwa der Kölner Journalist Joseph Joos in sein Notizbuch. Doch die Situation spitzt sich weiter zu.

Freiheit. Stiller, der sich vergeblich bemüht, bessere Unterkünfte für seine Gefangenen zu bekommen, erhält von Gauleiter Franz Hofer den Rat, sie ins Pustertal zu bringen, da dort ein Alpenhotel frei sei. Ganz anders schildert allerdings - nach Angaben von Richardi - der Historiker Jochen von Lang die Gründe, warum die Geiseln nach Südtirol gebracht wurden. Er betont, die prominenten KZ-Häftlinge sollten dort entweder als Geiseln verwahrt oder aber als Belastungszeugen umgebracht werden, falls die Alliierten keinen angemessenen Preis für sie zahlen würden. Dem Transport, der nun Richtung Pustertal unterwegs ist, gehören 139 Personen an, davon sind 98 Sonder- und 37 Sippenhäftlinge. Und alle haben Angst. Denn noch immer kennt keine der Geiseln den Bestimmungsort.

"Das letzte Entweder-Oder dieses Wettlaufes mit dem Raum und der Zeit lag so spürbar in der Luft, dass man verstehen wird, wenn wir der Schönheit der Landschaft keine große Freude abgewinnen konnten, dass wir bei jeder geringsten Verzögerung der Fahrtgeschwindigkeit ängstlich Umschau hielten, ob irgend ein Zeichen in der Umgebung Aufschluss geben könne über das uns bevorstehende Schicksal - eine einsame Mulde zum Beispiel wirkte zutiefst erschreckend", berichtet Isa Vermehren später. Als die Gruppe schließlich in Niederdorf im Pustertal ankommt, steht sie ohne Unterkunft da.

Denn anscheinend war man in Innsbruck nicht darüber informiert, dass bereits drei Generäle der Wehrmacht mit ihrem Stab das für die Sonderhäftlinge vorgesehene Grandhotel Pragser Wildsee besetzt hielten. Nach stundenlangem Warten werden den Gefangenen Notquartiere im Dorf zur Verfügung gestellt, und sie erhalten ein warmes Essen. Stiller ist jedoch weiterhin bemüht, eine geeignete Sammelunterkunft für die Geiseln zu finden und nimmt Kontakt mit Anton Ducia in Bozen auf. Dieser ist als Quartiermeister für die Unterbringung der SS-Truppen zuständig und nimmt die Angelegenheit sofort in die Hand, als er bei einem Lokalaugenschein feststellt, dass die Panik über eine mögliche Erschießung bei den Häftlingen immer größer wird. Als er den Generälen im Hotel einige Namen der prominenten Häftlinge nennt, sind diese sofort bereit ihr Quartier zur Verfügung zu stellen. Mehr noch: Um die vom Begleitkommando angedrohte Liquidierung der Geiseln zu verhindern, stellen sie diese unter ihren persönlichen Schutz, und aus Bozen wird Hauptmann Wichard von Alversleben herbeordert, um für die Sicherheit der Geiseln zu sorgen. Mit Hilfe eines Sonderkommandos erreicht er schließlich, dass das SS-Kommando ihm die Gefangenen überlässt.

Am 30. April wird mit der Einquartierung der Sonderhäftlinge ins Hotel Pragser Wildsee begonnen. Dort können sie sich frei bewegen, auch außerhalb der Postenketten, die nur noch dazu abgestellt sind, sie vor Übergriffen zu bewahren. Als am 5. Mai die Amerikaner nach Niederdorf, zum Hotel Pragser Wildsee kommen und die deutschen Truppen entwaffnen, verläuft alles friedlich. Die Sonderhäftlinge haben zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Tage das Gefühl von Freiheit gespürt; unter ihnen Kurt Schuschnigg, seine Frau und ihre Tochter, Léon Blum und Marie-Gabriele Schenk Gräfin Stauffenberg, Richard Schmitz, Joseph Joos sowie Isa Vermehren - und die beiden britischen Offiziere Richard H. Stevens und Sigismund Payne Best.

Quelle: ECHO Tirol 10.11.2005 - www.echoonline.at


Die Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge in Südtirol
Zeitgeschichtsarchiv Pragser Wildsee

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