Wenn Georg Elser in den letzten Jahren immer mehr zu einem Idol wird, liegt das wahrscheinlich auch daran,
dass seine Tat zwei besondere archaische Mythen bedient. Dies macht ihn zu einem neuen Typ
eines deutschen Helden, den unsere Gesellschaft heute anscheinend bevorzugt.
VON PETER KOBLANK
Die Geschichte von David und Goliat gehört zu den literarischen Höhepunkten des jüdischen Tanach,
der vor mehr als zwei Jahrtausenden im Nahen Osten verfasst und später in das christliche Alte
Testament übernommen wurde. Dieser Mythos vom Sieg des Schwachen über den Starken hat - auch
losgelöst von seinem religiösen Hintergrund - eine grundsätzliche Aussagekraft.
David und Goliat
Erzählt wird von einem Konflikt zwischen den von König Saul angeführten Israeliten und den Philistern.
Ein riesiger Kämpfer namens Goliat forderte die Israeliten auf, die Angelegenheit im Zweikampf zu regeln.
Tagelang fand sich kein Israelit, der zum Zweikampf mit dem hünenhaften Krieger bereit war. Bis sich schließlich
ein junger Schafshirte namens David bei König Saul meldete.1
David sagte zu Saul: Niemand soll wegen des Philisters den Mut sinken lassen. Dein Knecht wird hingehen und mit diesem
Philister kämpfen.
Saul erwiderte ihm: Du kannst nicht zu diesem Philister hingehen, um mit ihm zu kämpfen; du bist zu
jung, er aber ist ein Krieger seit seiner Jugend.
David sagte zu Saul: Dein Knecht hat für seinen Vater die Schafe gehütet. Wenn ein Löwe oder ein Bär kam
und ein Lamm aus der Herde wegschleppte, lief ich hinter ihm her, schlug auf ihn ein und riss das Tier aus seinem Maul.
Und wenn er sich dann gegen mich aufrichtete, packte ich ihn an der Mähne und schlug ihn tot. Dein Knecht hat den Löwen
und den Bären erschlagen und diesem unbeschnittenen Philister soll es genauso ergehen wie ihnen, weil er die
Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnt hat.
Und David sagte weiter: Der Herr, der mich aus der Gewalt des Löwen und des Bären gerettet hat, wird mich
auch aus der Gewalt dieses Philisters retten. Da antwortete Saul David: Geh, der Herr sei mit dir.
Und Saul zog David seine Rüstung an; er setzte ihm einen bronzenen Helm auf den Kopf und legte ihm seinen Panzer an,
und über der Rüstung hängte er ihm sein Schwert um. David versuchte in der Rüstung zu gehen, aber er war es
nicht gewohnt. Darum sagte er zu Saul: Ich kann in diesen Sachen nicht gehen, ich bin nicht daran gewöhnt.
Und er legte sie wieder ab, nahm seinen Stock in die Hand, suchte sich fünf glatte Steine aus dem Bach und legte
sie in die Hirtentasche, die er bei sich hatte und die ihm als Schleudersteintasche diente. Die Schleuder
in der Hand, ging er auf den Philister zu.
Der Philister kam immer näher an David heran; sein Schildträger schritt vor ihm her. Voll Verachtung blickte der
Philister David an, als er ihn sah; denn David war noch sehr jung, er war blond und von schöner Gestalt. Der Philister
sagte zu David: Bin ich denn ein Hund, dass du mit einem Stock zu mir kommst? Und er verfluchte David bei seinen Göttern.
Er rief David zu: Komm nur her zu mir, ich werde dein Fleisch den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren zum Fraß geben.
David antwortete dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Sichelschwert, ich aber komme zu dir
im Namen des Herrn der Heere, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast. Heute wird dich der
Herr mir ausliefern. Ich werde dich erschlagen und dir den Kopf abhauen. Die Leichen des Heeres der Philister
werde ich noch heute den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren zum Fraß geben. Alle Welt soll erkennen, dass
Israel einen Gott hat. Auch alle, die hier versammelt sind, sollen erkennen, dass der Herr nicht durch Schwert
und Speer Rettung verschafft; denn es ist ein Krieg des Herrn und er wird euch in unsere Gewalt geben.
Als der Philister weiter vorrückte und immer näher an David herankam, lief auch David von der Schlachtreihe der
Israeliten aus schnell dem Philister entgegen. Er griff in seine Hirtentasche, nahm einen Stein heraus, schleuderte
ihn ab und traf den Philister an der Stirn. Der Stein drang in die Stirn ein und der Philister fiel mit dem Gesicht zu Boden.
So besiegte David den Philister mit einer Schleuder und einem Stein; er traf den Philister und tötete ihn, ohne
ein Schwert in der Hand zu haben. Dann lief David hin und trat neben den Philister. Er ergriff sein Schwert,
zog es aus der Scheide, schlug ihm den Kopf ab und tötete ihn.
Als die Philister sahen, dass ihr starker Mann tot war, flohen sie.
Davids Sieg basierte auf drei Faktoren:
Ein in diesem Falle religiös begründetes Sendungsbewusstsein gab ihm den Mut zur Tat.
Zur Lösung des Problems griff er konsequent auf die praktischen Berufserfahrungen zurück, die er
als Schafshirte erworben hatte.
Indem er sich mit seiner Steinschleuder nicht an die Konventionen hielt, konnte er seinen
übermächtigen Gegner überraschen und besiegen.
Genau dies trifft auch auf den Widerstandskämpfer Georg Elser zu:
Seine feste Überzeugung, dass Adolf Hitler unbedingt beseitigt werden sollte, gab ihm den Mut zu seinem Attentat.
Seine Berufserfahrung als Schreiner, sein Pragmatismus bei der Sprengstoffbeschaffung und sein
handwerkliches Geschick bei Konstruktion, Bau und Einbau der Bombe waren alles, was er zur Umsetzung brauchte.
Indem er sich nicht an die Konventionen hielt, brachte er seine gut versteckte Bombe,
mit der anscheinend niemand gerechnet hatte, tatsächlich genau nach Plan zur Explosion.
Es gibt aber auch zwei wichtige Unterschiede zwischen David und Elser:
Erstens trat David seinem Gegner zwar mit einer List, aber dennoch offen "Mann gegen Mann" entgegen,
während Elser für seinen Gegner heimlich eine Art Falle baute, in der dieser umkommen sollte.
Diese unstrittig hinterlistige Vorgehensweise ist aber nicht geeignet, seine Tat moralisch
abzuwerten: Auch Wilhelm Tell, mit dem man Elser schon verglichen hat,2 tötete den Landvogt Gessler nicht
im offenen Kampf, sondern erschoss ihn in einem Hohlweg aus einem sicheren Versteck heraus mit seiner Armbrust.
Diese buchstäblich hinterhältige Vorgehensweise tut seiner Anerkennung als Schweizer Nationalheld - falls er je
existiert haben sollte - jedoch offensichtlich keinerlei Abbruch.
Ein übermächtiger Gegner kann unter Umständen eben nur mit unfairen Mitteln beseitigt werden. Dies
ist die logische Konsequenz der asymetrischen Machtverhältnisse.
Zweitens hatte David Erfolg, während Elser letztendlich an einer von ihm nicht vorausgesehenen Änderung von
Hitlers üblichem Zeitplan scheiterte und einen erheblichen Kollateralschaden verursachte, ohne das eigentliche Ziel zu treffen.
Diese Erfolglosigkeit aber hat er mit allen anderen Widerstandskämpfern im Dritten Reich gemeinsam: Keiner - ob Weiße Rose,
Rote Kapelle, Stauffenberg, Bonhoeffer, Oster oder andere bekannte und unbekannte Regimegegner - hat letztlich an dem, was
sich bis zum 8. Mai 1945 in Europa abspielte, tatsächlich etwas geändert.
Dass die durchweg erfolglosen Regimegegner dennoch in unserer heutigen Gesellschaft allmählich den Heldenstatus besetzen,
den in früheren Generation Erfolgsmenschen wie Arminius, Barbarossa, Friedrich II. oder Bismarck einnahmen, liegt
an einem zweiten Mythos, der ebenfalls biblischen Ursprungs ist.
Sodom und Gomorra
In der Genesis gibt es die Geschichte von Sodom und Gomorra, die wegen des sündigen Lebens ihrer Einwohner
von Gott vollständig vernichtet wurden. Im Vorfeld aber teilte der Herr dem Abraham seine Absichten mit, worauf sich ein Dialog
entwickelte, der das abendländische Denken - über spezifische religöse Glaubensfragen hinaus - bis heute prägt.
Auf eine respektvolle, aber fast entnervend hartnäckige Art handelt Abraham seinen Gott soweit herab, dass zehn
Gerechte ausreichen würden, die Bewohner der sündigen Städte insgesamt zu verschonen.3
Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn. Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?
Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen
der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann
ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die
ganze Erde nicht an das Recht halten?
Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.
Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.
Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er,
ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.
Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.
Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig.
Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.
Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur
zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten.
Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich
dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.
Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.
Da sich bekanntlich außer Lot und seiner Familie, die aber Fremdlinge waren und flüchten konnten,
unter der Bevölkerung kein einziger Gerechter fand, wurden Sodom und Gomorra dem Alten Testament zufolge vernichtet.
Kommen wir zur Gegenwart zurück: Wenn man als Deutscher heute betrachtet, was zwischen
1939 und 1945 mit einer zum Scheitern verurteilten Politik nicht nur anderen Völkern, sondern auch dem eigenen Land
für ein Schaden zugefügt wurde, fällt es einem nicht leicht, dies alles zu verstehen.
Ein Großteil der damaligen Zeitgenossen war seinerzeit ehrlich davon überzeugt, dass
die nationalsozialistische Politik richtig war.
Nur eine Minderheit war nicht mit dem Regime einverstanden.
Wenn innerhalb dieser Minderheit wiederum die meisten nicht den Mut und wohl auch nicht die Kreativität hatten, "etwas
zu tun", ist das durchaus verständlich. Zumal, wie wir bereits gesehen haben, auch die Taten der
Widerstandskämpfer am Lauf der Geschichte nicht ernsthaft etwas zu ändern vermocht haben.
Was aber der heutigen Nachwelt imponiert, das sind jene Menschen, die sich dennoch aufrafften,
um mit den in ihrer Macht stehenden Möglichkeiten etwas gegen die NS-Diktatur zu unternehmen. Diese
sind aus heutiger Sicht die "Gerechten", um derentwillen laut Altem Testament Sodom und Gomorra verschont
worden wären, wenn es wenigstens zehn davon gegeben hätte.
Diese "Gerechten" folgten ihrem Gewissen, das ihnen vorgab, etwas gegen das NS-Regime zu unternehmen.
Dies stets mit dem eigenen Tod und der Misserfolgsaussicht vor Augen. Nach der Devise
"Et si omnes ego non." 4
Der Gefahr des Scheiterns waren sich die meisten Widerstandskämpfer stets bewusst. So sagte beispielsweise Generalmajor
Henning von Tresckow
wenige Wochen vor dem 20. Juli 1944:5
Das Attentat auf Hitler muss erfolgen, um jeden Preis. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem
der Staatsstreich versucht werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die
deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden
Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.
Diese "Gerechten" dienen heute der Ehrenrettung unserer Nation und spielen für die kollektive Psyche
unserer heutigen Gesellschaft eine wertvolle Rolle. Ihretwegen bleibt Deutschland, so meint man, von der totalen moralischen
Verurteilung verschont. Sie bieten ihrer Nachwelt die Gelegenheit, sich mit ihnen, den "Gerechten" zu
identifizieren. Die Frage, ob sie überhaupt etwas erreicht haben, wird dabei bewusst ausgeblendet.
Mit ihrer Idolisierung der "Gerechten" geben sich die meisten Verehrer gleichzeitig der trügerischen
Selbstüberschätzung hin, dass sie selbst, wenn sie damals gelebt hätten, ganz bestimmt auch zu ihnen
gehört hätten.
Zu diesen zwar historisch Gescheiterten, aber aus heutiger Sicht "Gerechten" zählt man inzwischen
konsequenter Weise auch
den Bürgerbräuattentäter Georg Elser. Übrigens ungeachtet der sinnlos gestorbenen acht
Attentatsopfer und auch unbeschadet der Tatsache, dass er bei seiner letzten Antwort im
Gestapo-Protokoll
den Glauben an die Richtigkeit seiner Tat verloren zu haben scheint:6
Antwort:
"Ich habe meine Absicht geändert."
Frage:
"Dadurch, dass Sie festgenommen worden sind?"
Antwort:
"Nein, ich glaube bestimmt, dass mein Plan gelungen wäre, wenn
meine Auffassung richtig gewesen wäre. Nachdem er nicht gelungen ist, bin ich überzeugt,
dass es nicht gelingen sollte und dass meine Ansicht falsch war."
Wenn man inzwischen Straßen nach Georg Elser benennt und Denkmale für ihn errichtet,
- im Falle von
München
sogar mit der Bereitschaft zur Absurdität und in
Berlin noch ein zweites Denkmal hinterher -
so sind dies Zeichen dafür, dass sich inzwischen ein alternatives Helden-Wunschbild entwickelt hat, das von
wiederentdeckten Mythen und neuen Wertvorstellungen gestützt wird.
1
Das erste Buch Samuel, Kapitel 17, Vers 32 ff. Zitiert nach:
Die Bibel in der Einheitsübersetzung http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/
Genesis, Kapitel 18, Vers 22 ff. Zitiert nach:
Die Bibel in der Einheitsübersetzung http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/
4
Lateinisch: "Und wenn alle, ich nicht." Wahlspruch des Widerstandskämpfers Philipp von
Boeselager in: Stefan Schmitz, Sie können ja sagen, dass wir naiv waren. Interview mit Philipp von Boeselager,
"Stern" 20/2008, S. 52 ff
5
Fabian von Schlabrendorff, Offiziere gegen Hitler, Zürich 1946, S. 129
6
Sogenanntes
Gestapo-Protokoll.
Bundesarchiv Koblenz, Signatur R 22/3100
Dieser Artikel ist Teil der Online-EditionMythos Elser.